Ritter von der traurigen Gestalt – Salman Rushdie: Quichotte

Salman Rushdie verlegt in seinem neuen Roman die Geschichte um Miguel de Cervantes’ (Anti-)Helden Don Quichotte in die Jetztzeit. Rushdies Quichotte ist ein Handlungsreisender, ein Pharmavertreter, der auf die „Quest“ geht, um seine Dulcinea zu erobern. Sie tritt auf in Gestalt einer indisch-amerikanischen Fernsehmoderatorin, die der fernsehsüchtige Alte nun persönlich aufsuchen und umwerben möchte. Mit dabei ist Sancho, hier der Sohn, den Quichotte nie hatte und den er sich daher einfach ausgedacht hat. Sancho erscheint daher zunächst nur in Schwarzweiß, bevor er sich – wie auch immer – von seinem Erfinder-Vater emanzipiert und auch selbständig und in Farbe existieren kann, selbst wenn das eigentlich gar nicht möglich ist.

Auch Quichotte wurde nur erdacht, und zwar von Sam DuChamp, oft einfach nur „Bruder“ genannt. Bisher hat er wenig erfolgreiche Spionageromane verfasst, nun also die Geschichte um den liebeskranken Quichotte. Zum Bruder gibt es konsequenterweise auch eine Schwester, mit der der Autor seit langem zerstritten ist.

Rushdies neuer Roman „Quichotte“ spielt nicht nur mit den Ebenen, wenn der Autor sich einen weiteren Autor ausdenkt, der sich Quichotte ausdenkt, der sich Sancho ausdenkt. Wie bei Rushdie üblich, gibt es zahlreiche Abbiegungen und Nebenschauplätze, muss man sich als Leser darauf einstellen, dass es dauern kann, bis der Roman zu seinem eigentlichen Sujet zurückkehrt – bzw. verstehen, dass es das eigentliche, im Mittelpunkt stehende Thema so gar nicht gibt. Rushdie verweilt, wo und so lange er möchte und spiegelt seine Themen wie die Schwärmerei für eine eigentlich Fremde oder die Streitigkeiten zwischen Geschwistern mit einer ungeheuren Fabulierlust in den verschiedenen Handlungssträngen. Sein Quichotte ist dabei als fernsehsüchtiger Alter ein wenig aus der (heutigen) Zeit gefallen, einerseits, da das Fernsehen ja selbst schon wieder fast altmodisch ist, andererseits durch seine fast unschuldig anmutende Verliebtheit in einer Zeit, in der man, wie pointiert festgestellt wird, als schwärmender, verfolgender Verliebter sofort als Stalker gilt (nicht grundlos, selbstverständlich).

Ansonsten ist der Roman sehr aktuell, der Autor spart nicht mit Anspielungen auf die heutige Zeit, auf Politik und die Stimmung im Land, auf Rassismus und die Situation der Flüchtlinge, auf Vorurteile, auf Popkultur und nicht zuletzt auf Trump, auch wenn sein Name nicht genannt wird. Diese treffsicheren Referenzen sind Rushdies Stärke und sie machen großen Spaß, da der Autor nicht mit Sarkasmus spart und oft gnadenlos übertreibt.

Es gibt viele Verwicklungen, teils auch Verwirrungen in diesem Roman, und die Geschichte wird mit der Zeit noch absurder als ohnehin schon. Man muss sich darauf einlassen und darauf vertrauen, dass in dem ganzen Unsinn ein Sinn verborgen ist, um seine Freude daran zu haben. Rushdie hat in seinem Roman sehr viele Themen untergebracht, seine Story geschickt aufgebaut und er lässt einfach geschehen, worauf er Lust hat, auch wenn es jeder Logik zuwiderläuft. Schließlich ist er der Herr seiner Geschichte. So ist sein Quichotte auch keine Nacherzählung, die lediglich in die Gegenwart versetzt wurde. Cervantes’ Quichotte ist eher so etwas wie eine allgemeine Vorlage für diesen Roman, der dem heutigen Amerika wenig schmeichelhaft einen Spiegel vorhält. Ein abstruser Roman in absurden Zeiten von einem, der sein Handwerk versteht.

Mit „Quichotte“ stand Salman Rushdie 2019 auf der Shortlist des Man Booker Prize, der dann an Margret Atwood ging.

Salman Rushdie: Quichotte, aus dem Englischen von Sabine Herting, C. Bertelsmann Verlag, 2019, 464 Seiten

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