Meine Highlights 2019

Jedes Jahr im Dezember beginne ich, über meine Bücher des Jahres nachzudenken, gehe durch, was ich gelesen habe, mit dem Ziel, dass am Ende eine Top Ten meiner Lieblinge dabei herauskommt. Bei einigen Romanen war ich schon bei oder direkt nach der Lektüre sicher, dass sie es in die Liste schaffen würden, andere mussten erst ein bisschen sacken.

Herausgekommen ist eine Liste mit Büchern von vier Autorinnen und sechs Autoren, also geschlechtertechnisch fast ausgeglichen. Insgesamt habe ich 94 Bücher gelesen, zwei weitere werde ich wahrscheinlich in diesem Jahr noch beenden. 55 Bücher wurden von Männern geschrieben, 41 von Frauen. Ein Verhältnis, das ich noch etwas ausgewogener erwartet hätte…

Hier ist nun meine Top Ten, chronologisch nach Lesezeitpunkt:

Stefan Moster: Alleingang

Stefan Moster ist einer meiner Lieblingsautoren, jeder seiner neuen Romane ist für mich Pflicht. So auch „Alleingang“, die Geschichte von Freddie, der schon mehrfach in Haft war und seiner Freunde, die so anders sind als er. Moster erzählt klar und fesselnd von Freundschaft und dem Wunsch, dazu zu gehören und von der Jugend der heute um die 50-Jährigen.

Peter Høeg: Durch deine Augen

„Durch deine Augen“ von Peter Høeg ist ein schwer greifbares Buch. Lisa, Peter und Simon kennen sich aus Kindertagen und treffen sich wieder, als Simon versucht, sich das Leben zu nehmen. Lisa leitet eine Klinik für psychisch Kranke, für Missbrauchsopfer, Versehrte. Mithilfe von Scannern werden dort Hologramme der Patienten erstellt, so dass der Therapeut dann in dessen Bewusstsein eindringen kann. Ein melancholischer, zuweilen verwirrender Roman, der auch in Abgründe blickt.

Gunther Geltinger: Benzin

Vinz und Alexander sind seit 20 Jahren ein Paar und stecken in einer Krise, weil Vinz sich bei einem (in ihrer Beziehung ausdrücklich erlaubten) Seitensprung verliebt hat. Sie machen Urlaub in Südafrika, wo sie gleich zu Anfang einen jungen Schwarzen anfahren. Sie wollen helfen, sind aber unsicher, ob Unami ehrlich zu ihnen ist. Die Beziehungskrise schwelt, ihre Homosexualität verstecken sie. Eine schwierige Situation. Begeistert hat mich an „Benzin“ vor allem, wie sinnlich der Roman ist, in dem ich stets meinte, die Hitze zu spüren, Gerüche und Geschmäcker zu riechen und zu schmecken.

Mahir Guven: Zwei Brüder

Mahir Guvens „Zwei Brüder“ gewann 2018 den Prix Goncourt für den besten Debütroman und das meiner Meinung nach völlig zu Recht. Erzählt wird von zwei Brüdern in Paris, Söhne eines eingewanderten arabischen Vaters und einer französischen Mutter. Die Brüder erzählen abwechselnd, der Jüngere hat Paris verlassen und ist in Syrien, ist man sich sicher. Bis er plötzlich wieder auftaucht. Völlig unklar, was er vorhat. Guven lässt seine Leser immer ein wenig im Unklaren. Ein schonungsloses und fesselndes Debüt um Familie, Verpflichtungen, Religion und Orientierungslosigkeit.

Siri Hustvedt: Damals

Siri Hustvedts „Damals“ ist ein Roman, doch die Parallelen der Protagonistin zur Autorin sind so eindeutig, dass man kaum anders kann, als sie selbst bei der Lektüre zu sehen. Eine Schriftstellerin erinnert sich anhand alter Notizbücher an ihre Zeit, als sie blutjung nach New York kam, vor allem an ein Erlebnis, das sowohl im Leben der Protagonistin als auch im Buch eine Zäsur darstellt. Ein Roman um Feminismus und Gleichberechtigung, um das Finden seiner selbst. Ein elegantes Buch einer großen Autorin.

Sayed Kashua: Lügenleben

Das Werk des israelischen Schriftstellers arabischer Herkunft Sayed Kashua beschäftigt sich immer wieder mit den Konflikten zwischen Arabern und Israelis, gerade auch mit den alltäglichen. Sicherlich fließen hier auch immer biographische Elemente ein. In „Lügenleben“ hat der Protagonist mit dem Autor die Auswanderung in die USA gemeinsam, denn auch Kashua hat Israel vor einigen Jahren verlassen. Nun kehrt der Protagonist zum ersten Mal zurück, als sein Vater nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt. Nach und nach entblättert sich die Geschichte dieses Mannes, der einsam für einen Fehler büßt, dessen Ausmaße er nie hätte vorhersehen können. Ein großartiger Roman über eine Welt, in der Ehre über allem steht und darüber, worüber wir uns überhaupt definieren.

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

Der Roman, der in diesem Jahr am meisten nachhallt, der, an den ich mich immer wieder erinnere, ist „Kachelbads Erbe“ von Hendrik Otremba. Die Geschichte um die „kalten Mieter“, die sich nach ihrem Tod einfrieren lassen, um irgendwann, wenn die Wissenschaft einmal so weit sein sollte, wieder zum Leben erweckt zu werden, ist weder eine Dystopie noch Horror – beides hätte mir wahrscheinlich viel weniger gefallen. Anhand von sechs Personen, die sich zu diesem Schritt entscheiden, erzählt Otremba über einen Auftragskiller, über die Katastrophe von Tschernobyl und die AIDS-Epidemie in den 80er Jahren. Die Charakterisierungen sind unheimlich facettenreich, der ganze Roman extrem stimmungsvoll, mysteriös, besonders.

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt

In „Der Gott der Stadt“ führt uns Christiane Neudecker ins Nachwende-Berlin der 90er Jahre, eine besondere Zeit, als die Stadt noch nicht richtig zusammengewachsen ist. An der renommierten Piscatorschule stellen sich fünf Regiestudenten der Aufgabe ihres Lehrers Brandner, der ihnen ein Fragment Georg Heyms überlässt, zu dem sie ein Regiekonzept erarbeiten sollen. Neudecker schafft eine spannende, teils auch geheimnisvolle Atmosphäre, ihr Roman ist ein Schmöker im allerbesten Sinne, intelligent und unterhaltsam.

Nora Bossong: Schutzzone

Mira ist um die 30 und arbeitet für die Vereinten Nationen. Man sagt ihr nach, dass sie eine gute Zuhörerin sei, was ihr in ihrem Job zugute kommt. Sie muss auch mit denen in Kontakt treten, die keine weiße Weste haben. Es ist ein unstetes Leben und auch ein einsames. Als sie Milan, den sie von früher kennt, wieder trifft, beginnen sie eine Affäre, doch eine gemeinsame Zukunft ist unwahrscheinlich. „Schutzzone“ ist ein komplexer und beeindruckender Roman voll literarischer Wucht.

Ali Smith: Herbst

„Herbst“ ist der erste Roman aus Ali Smiths Jahreszeitenquartett. Die Autorin begann zu schreiben, nachdem die Briten für den Brexit stimmten, der zwar nicht konkretes Thema des Romans ist, sehr wohl aber die veränderte Stimmung, die Unsicherheit im Land zu einer Zeit, als alles sich verändert. Elisabeth ist zu Beginn der Geschichte um die 30 und arbeitet an der Uni. In ihrer freien Zeit besucht sie den 101-jährigen Daniel im Krankenhaus. Er schläft, wird wahrscheinlich nicht mehr lang leben. Als Elisabeth klein war, hat er, der Nachbar, sich oft um sie gekümmert, sie stets gefragt, was sie gerade lese. „Herbst“ ist der Roman einer Freundschaft und eine Liebeserklärung an das Lesen in einer schnelllebigen Zeit.

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5 Antworten zu Meine Highlights 2019

  1. marinabuettner schreibt:

    Schöne Übereinstimmungen … Von Ali Smith hatte ich vor sehr langer Zeit schon einmal etwas gelesen, aber „Herbst“ klingt wirklich sehr gut und wird allseits gelobt.
    Morgen kommen meine Lieblingsbücher auf dem Blog …
    Viele Grüße und guten Einstieg ins neue Lesejahr!

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    • letteratura schreibt:

      Ich bin vor allem gespannt auf die übrigen Bücher im Jahreszeitenquartett. Und ich freu mich auf Deine Lieblingsbücher morgen und wünsche ebenfalls immer ein gutes Buch 2020! Viele Grüße!

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  2. portfuzzle schreibt:

    Es ist ja nicht so das ich nichts zum lesen hätte … Ich habe hier schon so oft Anregungen für neues gefunden, dass es jetzt Zeit für ein: DANKE ! ist. Merci klingt besser…

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    • letteratura schreibt:

      Das freut mich, vielen Dank! Ja, die Buchstapel… die werden nicht kleiner, aber es gibt schlimmere Süchte, oder? Viele Grüße!

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  3. portfuzzle schreibt:

    Mit der Musik ist es, glaube ich, schlimmer. Vielleicht.

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