Nostalgietrip – Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen

Thorsten Nagelschmidts Roman „Der Abfall der Herzen“ mag ich zumindest zum Teil aus sentimentalen Gründen. Wahrscheinlich steckt auch in mir eine Nostalgikerin, wie in der Hauptfigur des Romans, Thorsten, der sich wie der Autor Nagel nennt. Es gibt biographische und geographische Ähnlichkeiten mit ihm: Wir sind im gleichen Alter und nicht weit voneinander entfernt aufgewachsen. Daher sind mir nicht nur viele Orte, die erwähnt werden, ein Begriff, sondern auch Zeitgeschichtliches, Musik, ein Lebensgefühl, all das, was 1999 Thema war, als ich genauso alt war wie die Hauptfigur im Roman.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. 2015 ist Thorsten Ende 30, er macht Musik und schreibt Bücher – die Parallelen zum Autor sind nicht zu übersehen. „Der Abfall der Herzen“ ist eins der Bücher, bei denen man sich ständig fragt, wie viel davon ausgedacht, wie viel wirklich geschehen ist. Es steht „Roman“ drauf, also sollte man erst einmal von einer fiktiven Geschichte ausgehen, obwohl es wohl eher eine „Autofiktion“ ist. Ganz sicher wurde hier selbst Erlebtes verarbeitet. Thorsten, oder eben Nagel, beginnt so etwas wie eine Reise in die Vergangenheit, ausgelöst durch ein Gespräch mit seinem Freund Sascha, den er noch aus Jugendzeiten kennt. Sascha hat Thorsten eine Zeitlang gehasst, erfahren wir, 1999 war das, ein prägendes Jahr. Die Freunde hatten die Schule beendet, die Zukunft lag noch in weiter Ferne, man lebte in den Tag hinein, feierte Partys, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und es passierte das, was Nagel und Sascha auseinander brachte.

Thorsten hat damals Tagebuch geschrieben. Er holt die Bücher wieder hervor und beginnt, wieder einzutauchen in das Jahr 1999. Sein eigentliches Romanprojekt lässt er ruhen, teils zieht er sich in ein ruhiges Haus in Brandenburg zurück, wo ein Freund ihn unterkommen lässt. Doch er stellt fest, dass er sich nur lückenhaft erinnert. So nimmt er Kontakt auf zu den Freunden von früher und fährt los, um sie zu treffen und sich von ihnen ihre Sicht auf die Dinge erzählen zu lassen.

Wir lesen nun abwechselnd von den Ereignissen 1999 und von dem Versuch der Rekonstruktion und auch dem Verstehenwollen im Jahr 2015. An dieser Jugend – wobei Nagel mit 22 eigentlich schon erwachsen ist, sich aber auch noch mit Ende 30 kaum so fühlt – ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. Es wird gefeiert, getrunken, geredet, es wird geflirtet, sich verliebt und getrennt. Ein einschneidendes Erlebnis für Nagel ist, als seine langjährige Freundin Nina ihn für einen anderen verlässt, was ihm mehr zu schaffen macht, als er es zunächst wahrhaben will. Thorsten und seine Freunde leben in den Tag hinein, vor und nach seiner Trennung von Nina. Es ist eine Zeit, in der noch alles möglich scheint. Der Nagel der Gegenwart möchte aus seinen Jugenderinnerungen ein Buch machen, und was wir lesen, ist der Entstehungsprozess dieses Buchs und somit eigentlich das Buch selbst.

Insgesamt gerät der Autor manchmal vielleicht etwas zu sehr ins Plaudern, holt weiter aus, als nötig, ein paar Seiten weniger hätten dem Buch meiner Meinung nach gut getan. Am Ball geblieben bin ich aus den besagten sentimentalen Gründen, habe mich stets gefreut, wenn ich die beschriebenen Orte vor mir sah oder sie so bekannt in meinen Ohren klangen, wenn Musik von damals Thema war, die Lebensumstände in einer Zeit, als wir noch keine Handys hatten und niemals eins haben wollten, weil wir das albern und angeberisch fanden. Oder einfach, wenn der Erzähler noch weiter zurückging bis in seine Kindheit und die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch und Alf, den Außerirdischen heraufbeschwor, beide bei den vergeblichen Versuchen, Mogli bzw. die Katze Lucky zu hypnotisieren. Beides ist mir wie ihm überaus klar vor Augen und in den Ohren.

„Der Abfall der Herzen“ ist ein Roman über das Erinnern, über das unterschiedliche Erinnern und die Frage, ob es DIE Erinnerung an ein Ereignis überhaupt gibt, wenn sich die Geschichten der Beteiligten doch so sehr unterscheiden. Was können Freundschaften aushalten, was bringt sie auseinander? Und was heißt es überhaupt, erwachsen zu sein?

Vielleicht ist es schwierig, dem Roman etwas abzugewinnen, wenn man keinen persönlichen Bezug zur Geschichte hat, vielleicht liest man ihn in dem Fall eben einfach anders. Vielleicht anders und dennoch genauso gern. Für mich war „Der Abfall der Herzen“ vor allem eine Reise in der Vergangenheit, ein Nostalgietrip, der mich bestens unterhalten hat.

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen, S. Fischer Verlag, 2018, 448 Seiten

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