Selbsterniedrigung und Wahn – Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens

Nach dem großen Erfolg der Neapolitanischen Saga (übrigens ein Begriff, den die Autorin nicht mag) hat der Suhrkamp Verlag in den letzten Jahren einige frühere Romane Elena Ferrantes herausgebracht, bevor dann, vermutlich im nächsten Jahr, die Übersetzung ihres neuesten Romans bei uns erscheinen wird, der in Italien in diesem Herbst herauskam. Ich habe mich vor der Lektüre von „Tage des Verlassenwerdens“ gefragt, ob ich wirklich noch einen ihrer Romane lesen möchte, denn auch wenn sie verschiedene Geschichten erzählen, wiederholen sich doch einige typische Themen bei ihr immer wieder in abgewandelter Form und Autorin bleibt sich sehr treu.

So steht auch in „Tage des Verlassenwerdens“ eine Frau im Mittelpunkt, sie ist Ende 30, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Es trifft sie völlig unerwartet, als ihr Mann ihr eines Tages eröffnet, er wolle sie verlassen. Olga glaubt zunächst noch, dass es nur eine Laune sei und er bald wieder zurück sein werde, dass dann alles weiterlaufen werde wie bisher. Doch es stellt sich heraus, dass Mario es ernst meint, dass er außerdem eine neue Freundin hat, eine jüngere, natürlich. Anfangs versucht Olga noch, erwachsen zu reagieren, gelassen, und Mario vorzuspielen, dass es ihr einigermaßen gut geht, doch nach einem Eklat zwischen den beiden ist das nicht mehr möglich.

Olga befindet sich von jetzt auf gleich im Ausnahmezustand und schafft es kaum noch, ihren täglichen Verpflichtungen nachzukommen, vor allem, sich um ihre beiden Kinder zu kümmern. Den Hund vernachlässigt sie ebenfalls, den Haushalt und sich selbst, ihr Äußeres, das ihr immer so wichtig war. Immer weiter geht es abwärts mit ihr, sie gibt sich auf, erniedrigt sich, auch in sexueller Hinsicht. Sprachlich ist die Veränderung ebenfalls spürbar: Olga beginnt, obszöne Wörter zu verwenden, die Sprache verrutscht ihr immer mehr. Sie wird ungerecht und gefühlskalt gegenüber ihren Kindern, die sie sogar in Gefahr bringt, da sie es nicht mehr schafft, ihre Mutterpflichten ihnen gegenüber zu erfüllen.

Es ist zunächst einmal ein alltägliches Szenario, das Ferrante beschreibt: Überall scheitern Beziehungen und Ehen, geht einer und lässt den anderen allein zurück. Was das für den oder die Betroffene bedeuten kann, das erfährt man meist im Einzelnen nicht so genau. Wie es im Inneren aussieht, denn wann kann man schon so genau und so intim hinter die Fassade schauen, wie es in Ferrantes Roman möglich ist? Olga wird in ihren Grundfesten erschüttert: Sie hat ihren Beruf aufgegeben, hat für ihre Familie, vor allem aber für ihren Mann gelebt. Ohne ihn empfindet sie ihr Leben nicht mehr als lebenswert. Obwohl sie eine moderne Frau ist, hat sie ein traditionelles Frauenbild, eine Vorstellung von ihr und ihrem Leben, und als die Realität diesem Bild nicht mehr entspricht, droht sie, wahnsinnig zu werden.

Das ist verstörend zu lesen, denn wir Leser sehen mit Olga in den Abgrund und der ist sehr tief. Olga leidet und gibt sich komplett auf. Ferrante macht das durch ihre drastische Sprache spürbar, durch die harsche Wortwahl, die irritiert, und durch Passagen, in denen nicht mehr klar ist, was Olga wirklich erlebt und was Traum oder Einbildung ist. Eine Gestalt aus Kindheitstagen erscheint ihr, die „Poverella“, eine verlassene Frau aus der Nachbarschaft, die nicht mehr als vollständige Person wahrgenommen wurde ohne ihren Ehemann.

Ferrante bleibt sich und ihren Themen also treu: Wieder hat sie eine starke Frauenfigur geschaffen, auch wenn diese schwach und schwächer erscheint und lange nicht absehbar ist, wie weit es mit ihr noch abwärts gehen wird. Auch das Verständnis der Frau als Mutter, die Einschränkungen, die die Mutterschaft mit sich bringt, die ständige Ambivalenz, sind erneut Themen. Manchmal ist das schockierend, und generell ist „Tage des Verlassenwerdens“ kein Buch, das „Spaß“ macht. Olgas Selbstaufgabe und vor allem ihr fahrlässiges Verhalten ihren Kindern gegenüber mag auf den ein oder anderen Leser überzogen wirken und zur Ablehnung der Figur und des Romans führen. Doch Ferrante ist in meinen Augen einfach nur konsequent. Sie schockt, sie bricht ein Tabu, wenn sie eine Frau zeigt, die nicht in jedem Augenblick ihre Kinder an die erste Stelle setzt. Doch dadurch wird auch deutlich, wie sehr Olga am Boden ist. Man kann den Roman sicher auch lesen, ohne in die Tiefe zu gehen und einfach nur mit Blick auf die Frage, ob und wann Olgas Talfahrt beendet sein wird. Ich werde Ferrantes Romane wohl weiter lesen, auch wenn sie mich manchmal vor den Kopf stößt, wenn sie immer wieder mit unsympathischen Charakteren aufwartet und das Schlechte im Menschen aufzeigt. Sie schafft stets sehr starke Stimmungen, im positiven wie im negativen Sinne, ihre Romane sind sinnlich, manchmal derb und schockierend, doch stets hat man das Gefühl, man lese von Menschen aus Fleisch und Blut.

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens, aus dem Italienischen von Anja Nattefort, Suhrkamp Verlag, 2019, 252 Seiten

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2 Antworten zu Selbsterniedrigung und Wahn – Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens

  1. wortumhuellt schreibt:

    Sehr schöne Rezension! Eigentlich müsste ich die Ferrante Reihe auch noch weiterlesen, aber irgendwann hat mich der Wille dazu und die Lust daran verlassen… Naja, vielleicht wann anders nochmal :)
    Liebe Grüße
    Marleen

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    • letteratura schreibt:

      Ich hatte bei der Tetralogie auch so Phasen, einiges hätte man sicher auch straffen können. Die anderen Romane sind ja eher kurz. Viele Grüße!

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