Lebensinhalt Liebe – André Aciman: Fünf Lieben lang

Mit 12 verliebt Paul sich das erste Mal. Giovanni ist deutlich älter, erwachsen, und selbst wenn Paul seine Gefühle, die komplett neu für ihn sind, einzuordnen wüsste, könnte aus beiden niemals ein Paar werden. Giovanni ist Schreiner und arbeitet für Pauls Eltern. Paul besucht ihn regelmäßig in seiner Werkstatt, bringt Mandeltörtchen mit, will vor allem in Giovannis Nähe sein. Verstehen wird Paul erst später, was damals mit ihm passiert ist, und warum Giovanni herzlich und abweisend zugleich war.

Giovanni ist Pauls erste Liebe und die erste von fünf Liebesgeschichten, von der André Aciman in seinem neuen Roman „Fünf Lieben lang“ erzählt. Unbedarft und noch einigermaßen unschuldig. Paul begehrt Giovanni, doch während das mit 12 noch ganz neu für ihn ist, sieht das natürlich bei den späteren Episoden anders aus.

Paul verliebt sich in Männer und in Frauen, und so handeln die weiteren Episoden im Roman von seinen Gefühlen zu Menschen beiderlei Geschlechts. Aciman lässt seinen Protagonisten dabei seine Gefühle, aber auch die jeweiligen Beziehungen sehr genau analysieren – sofern sie das Wort Beziehung verdienen, denn oftmals ist es gar nicht so einfach, zu sagen, was genau das eigentlich ist, das ihn mit dem geliebten Menschen genau verbindet. Wenn Paul begehrt, dann ohne Wenn und Aber, mit Haut und Haaren, dann ist er unfähig, an anderes zu denken als an den anderen oder die andere. Dann geht in seinem Kopf ein Gedankenkarussell in Gang, dann analysiert und grübelt er, geht Begegnungen oder Gespräche wieder und wieder durch, in der Hoffnung, alles ganz genau zu verstehen.

Hat mich vor allem die erste Episode um Pauls aufkeimende Gefühle, die er so noch nicht kennt, überzeugt und mitgerissen, da Aciman Pauls Verfassung, sein Glück und seine Not so gekonnt einfängt und auch die Atmosphäre ganz wunderbar spürbar macht, so hat mir der Roman im Verlauf leider immer weniger gefallen. Das liegt zum einen daran, dass „Fünf Lieben lang“ sich auf Pauls Liebesgeschichten beschränkt, dass wir Leser Paul außerhalb seiner Beziehungen bzw. seines Begehrens eigentlich nicht kennenlernen. Man kann sich fragen, ob man dem Roman sein eigentliches Konzept vorwerfen darf, aber auch wenn Paul einer zu sein scheint, der quasi „für die Liebe“ lebt und sie in den Mittelpunkt stellt, so haben mir doch andere Facetten seiner Persönlichkeit und seines Lebens gefehlt, um das Bild vollständig zu machen. Familie, Freunde, Beruf, all dies findet kaum oder gar keine Erwähnung. Das gerät auf die Dauer etwas einseitig.

Mein anderes Problem mit dem Roman liegt in der Figur des Paul selbst begründet. Paul begeistert sich schnell und verliebt sich gern und absolut in andere, aber sobald er dann mit dem- oder derjenigen in einer Beziehung ist, scheint er schon wieder auf der Suche nach etwas Neuem zu sein. Zwar nicht unrealistisch, dennoch hinterlässt sein Verhalten einen faden Nachgeschmack, gerade für jemanden, der doch von den wichtigsten Menschen in seinem Leben erzählen möchte, die aber schnell uninteressant werden, sobald er sie erobert hat, was ihren Stellenwert dann in Frage stellt.

Die ständige Analyse Pauls seiner Beziehungen, auch die Gespräche über sie, all das gerät irgendwann zu einem Zerreden, wird redundant, teils dann auch pathetisch. Sprachlich ist das abgesehen von diesen Stellen leichtfüßig und direkt, wobei manchmal auch etwas holprig, wenn es um anatomische Beschreibungen und Körperteile geht.

André Acimans Roman „Mein Sommer mit Kalaschnikow“ vor ein paar Jahren habe ich in allerbester Erinnerung, und ich liebe die Verfilmung seines Romans „Call my by your name“, von dem in diesem Jahr im englischen Original eine Fortsetzung erschien. „Fünf Lieben lang“ dagegen konnte mich nicht überzeugen.

André Aciman: Fünf Lieben lang, aus dem amerikanischen Englisch von Christiane Buchner, dtv Verlag, 2019, 352 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.