Furchtlose Heldin – Caoilinn Hughes: Orchidee und Wespe

Gael Foess ist eine außergewöhnliche Romanheldin. Bereits mit elf Jahren verkauft sie auf dem Schulhof Jungfernkapseln an ihre Mitschülerinnen, weil sie der Meinung ist, jede von ihnen habe das Recht, so oft Jungfrau zu sein, wie sie wolle. Gael zeigt schon in diesem frühen Alter Anzeichen einer Geschäftsfrau – wobei die ersten Kapitel diejenigen sind, die mich nicht gänzlich überzeugt haben, weil ich skeptisch war, ob ein Kind wirklich schon so gewieft sein kann, wie es dort beschrieben wird.

Gaels Mutter Sive ist eine Stardirigentin, ihr Vater Jarleth, ein erfolgreicher Geschäftsmann, verlässt die Familie, worauf Gael beschließt, nie wieder etwas mit ihm zu tun haben zu wollen. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Guthrie hat epileptische Anfälle und Visionen und auch eine ausgeprägte künstlerische Ader. Dass er ernsthaft krank ist, traut sich niemand in der Familie ihm zu sagen. Im Prinzip ist es der Bruder, der immer der wichtigste Mensch in Gaels Leben war und ist.

Gael und ihr außergewöhnlicher Charakter stehen im Zentrum des Romans. Ihre Figur macht keine Entwicklung durch, sie bleibt den kompletten Roman hindurch, wie sie ist. Das gilt allerdings nicht für die Menschen um sie herum, die viele Aufs und Abs durchmachen und die am Ende anders dastehen als am Anfang.

Gael ist nicht nur sehr intelligent, sondern auch selbstsicher, gerissen und zielstrebig, sie weiß genau, was sie will. Aufkommende Zweifel lässt sie nicht zu, sondern verdrängt diese sofort. Sie schmiedet waghalsige bis hanebüchene Pläne, um ihre Ziele zu erreichen, und sie riskiert dabei auch viel, wie als sie versucht, Kunstwerke ihres Bruders für viel Geld zu verkaufen, indem sie sie als Werke eines Kranken vermarktet, der diese anfertigt, wenn er gerade einen Anfall hat. Irland verlässt sie schon früh, lebt eine Zeitlang in London und landet schließlich in New York, wo sie glaubt, die Bilder am ehesten an den Mann bringen zu können.

Sich auf andere Menschen einzulassen, ist nicht so recht Gaels Ding, sie lässt ungern andere an sich heran. Flüchtige körperliche Begegnungen lässt sie zu, ihre Mitbewohnerin Harper lässt sie wortlos zurück, bevor aus beiden mehr werden kann.

„Orchidee und Wespe“ hat mir vor allem deshalb gefallen, weil ich mich an keinen Roman erinnere, der eine ähnliche Heldin aufzuweisen hätte. Das Furchtlose, Selbstbewusste, das Gael auszeichnet, ihre Kreativität und ihre Zielstrebigkeit, mit der sie einen einmal gefassten Plan durchzieht, ohne ihn erneut in Frage zu stellen, all das sucht seinesgleichen. Natürlich gerät auch sie an ihre Grenzen, reagieren die Menschen in ihrem Umfeld anders als erwartet, kann auch sie sich nicht davon freimachen, andere zu brauchen, auch wenn sie es gern wollte.

Wir begleiten Gael von 2002 bis 2011 – auch dann ist sie immer noch alles andere als wirklich erwachsen. Gelernt hat sie in dieser Zeit vermutlich mehr, als die meisten anderen. Etwas hat sich also doch für sie verändert. Hughes hat einen ungewöhnlichen, originellen Roman über eine ganz besondere junge Frau geschrieben, dem ich viele Leser wünsche. Caoilinn Hughes wurde 1985 in Irland geboren. „Orchidee und Wespe“ ist nach einem gefeierten Gedichtband ihr erster Roman.

Caoilinn Hughes: Orchidee und Wespe, aus dem Englischen von Sarah Hickey und Hans-Christian Oeser, Steidl Verlag, 2019, 416 Seiten

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