Macht der Musik – Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

Osman ist Mitte 20, Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter, die die Familie früh verlassen hat. In Hamburg studiert er Cello, spielt Fußball zum Ausgleich, lebt in einer WG. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, aber zu seiner Tante Elide, die Osman und seinen Bruder Willi wie eine Mutter großgezogen hat. Elide ist es auch, die Os zu Beginn des Romans anruft, und ihm mitteilt, dass Suat, Osmans Vater und erfolgreicher Violinist, sich das Handgelenk gebrochen hat. Suat wird eine ganze Weile nicht mehr spielen können. Ein Tinnitus wird ebenfalls diagnostiziert. Osman hat keine Lust, sich um seinen Vater zu kümmern, überhaupt nur mit ihm zu reden. Da ist viel Unausgesprochenes zwischen Vater und Sohn.

Stattdessen hat Osman in Hamburg andere Probleme. Mit Luise zum Beispiel, seiner Mitbewohnerin, zu der er sich hingezogen fühlt und die ihn offenbar auch mag, doch beide wissen nicht recht, wie sie miteinander umgehen sollen. Nach der Nachricht aus der Heimat fällt es Osman außerdem schwer, routiniert Cello zu üben, ein Vorspiel steht an, auf das er sich nicht ausreichend vorbereiten kann, seinem Lehrer geht er aus dem Weg. Es sieht ganz so aus, als müsse er sich erst seiner Familie stellen, Elide zurückrufen, die seit Wochen versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Seinem Vater endlich einige Fragen stellen, die schon lange in der Luft liegen.

Zudem finden Os am Bahnhof ein Diktiergerät, das er spontan an sich nimmt. Als er die Aufnahmen durchhört, wird er Zeuge der Reise zweier Schwestern, von denen die eine gehörlos ist. Es gibt die Möglichkeit einer Operation, die ihr Gehör zurückbringen könnte. Osman ist wie süchtig nach der Geschichte der beiden Schwestern, kann nicht aufhören, die Aufnahmen anzuhören und glaubt, unbedingt die Personen, bzw. vor allem die Person hinter der Stimme Ellas, der sprechenden Schwester, sehen zu müssen.

Katharina Mevissen vereint in ihrem Debüt „Ich kann dich hören“ viele Themen auf nur wenigen Seiten, und sie tut das mit einer ungeheuren Leichtigkeit. Es spielt so wahnsinnig viel hinein in die Geschichte um Osman: seine schwierige Familiengeschichte und seine türkischen Wurzeln, die er als nebensächlich abtut, seine Liebe zur Musik, die ersten Schritte in einem Leben als Erwachsener, die komplizierter sind, als er das erwartet hat, seine Gefühle für Luise.

Die Musik ist für Osman etwas, das er sich nicht ausgesucht hat, vielmehr hat das Cello ihn ausgesucht. So ist sein Instrument für ihn nicht immer nur ein Segen.

„Am meisten nerven mich Leute, die als Kinder Geige lernen, Querflöte oder Klavier und dann mit zwölf, dreizehn aufhören. Einfach aufhören, keinen Bock mehr. [… ] … vor allem werde ich eifersüchtig, weil sie es geschafft haben, die Musik abzuschütteln, bevor sie ein Teil von ihnen werden konnte.“  S. 40

Auch Osmans Bruder Willi hat es geschafft, sich der Musik zu entziehen. Im Gegensatz zu Osman fehlt ihm das Talent und er lebt inzwischen in Kanada, wo er Physik studiert.

Während für Osman das Hören der wichtigste seiner Sinne ist, kann er ohne Kontaktlinsen kaum sehen, als ob der eine Sinn auf Kosten des anderen geschärft sei. Dafür lebt er die Musik, wenn er Cello spielt, am ganzen Körper, sie nimmt ihn gefangen. Das sind sehr intensive Passagen im Roman, in denen deutlich wird, dass Musik Osman völlig überwältigen kann, sowohl positiv als auch negativ.

„Ich will die Musik zersägen, die ich nicht zu greifen bekomme, will sie zerstoßen, die zarten, leisen Passagen im dritten Satz. Und ob ich das Stück ohne ihn spielen könnte! Ich schneide Töne ins Zimmer, grobe Brocken, laut, fest, leblos.“ S. 39

Katharina Mevissen hat einen beachtlichen Debütroman geschrieben, in dem sie auch sprachlich variiert. Die Passagen, die sich mit Osmans Musik beschäftigen, sind lyrisch-poetisch, wenn er sich mit seinen Freunden unterhält, wird es jugendlich-umgangssprachlich. Ab und zu bringt die Autorin Umstände mit wenig Worten gezielt auf den Punkt, wie wenn sie Osman feststellen lässt, seine Gefühle für Luise seien im Gegensatz zu dem, was er vorher für Frauen empfunden habe, schlicht „grundsätzlich“. Sprache ist auch zwischen Osman und seiner Tante Elide wichtig. Sie sprechen deutsch, Elide verdreht die Wörter, obwohl sie ansonsten gut deutsch und auch französisch spricht, Osman versteht außer ein paar Floskeln kaum türkisch. Sie haben nie (oder nur kurz) aufgehört, miteinander zu sprechen, sich, passend zum Romantitel (der aber vielfältige andere Interpretationen zulässt), zu hören.

So hätte der Stoff, den Mevissen verarbeitet, auch für einen deutlich seitenstärkeren Roman ausgereicht. Dennoch habe ich auf den 160 Seiten, die der Roman umfasst, nichts vermisst. „Ich kann dich hören“ ist eine sehr lesenswerte Geschichte um die Macht der Musik und genauso um Ohnmacht, um die Schwierigkeiten, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, schlicht darum, erwachsen zu werden. Um Familie, Freundschaft und Liebe. Um Verdrängtes, Unausgesprochenes und die Frage, was man wann zutage fördern sollte. Um die Grenzen und das Scheitern von Kommunikation. Ich hoffe, dass von der Autorin noch viel zu hören und zu lesen sein wird.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören, Wagenbach Verlag, 2019, 168 Seiten

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