Gedankenstrom – Mike McCormack: Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

Der Titel des neuen Romans des irischen Autors Mike McCormack sagt so viel wie wenig über die Geschichte aus, die in ihm erzählt wird. Er bezieht sich vor allem auf die Form, denn „Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann“ besteht im Prinzip aus einem einzigen Satz – oder nicht mal aus einem Satz, denn Punkte gibt es keine, es gibt nur Kommas und Absätze, die den Text rhythmisch einteilen, und so beim Lesen hilfreich sind. Marcus Conway denkt, analysiert, erinnert sich und wir lesen das genauso, wie es ihm in den Sinn kommt, wir sind in seinen Gedanken. Der Roman ist ein einziger Gedankenstrom.

Der Protagonist dürfte um die 50 sein, er ist verheiratet, nach einer schweren Krise zu Anfang der Beziehung wohl auch recht glücklich. Die Kinder sind aus dem Haus, Tochter Agnes versucht ihr Glück als Künstlerin, wobei sie auch zu unkonventionellen Mitteln greift bzw. zu solchen, die ihren Vater sehr verstören, wenn sie etwa ihr eigenes Blut in einem Kunstwerk verarbeitet. Sohn Darragh ist ein kluger Kopf, weiß aber noch nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll und skypt mit dem Vater von Australien aus, wo er sich gerade eine Auszeit nimmt. Marcus beobachtet seine Kinder mit scharfem Blick, der sich nicht durch seine Vatergefühle verklärt, wobei die Liebe zu seinen Kindern stets spürbar ist.

Der scharfe Blick trifft auch auf andere Bereiche seines Lebens zu: Er arbeitet als Bauingenieur und muss sich immer wieder mit Politikern und anderen Entscheidungsträgern herumschlagen. Er weiß, wie das läuft, hadert damit, kann aber damit umgehen. Er pflegt seine Frau, als diese durch eine Verunreinigung des Grundwassers so wie viele andere in der Stadt auch wochenlang krank im Bett liegt und sich vor ihrem Mann für die unangenehmen Begleiterscheinungen der Krankheit schämt.

Ein gewöhnlicher Mann also? Was seine biographischen Eckdaten angeht, vermutlich. Seine Selbstreflexion betrachtend vielleicht nicht, denn er ist der gute Beobachter mit dem geschärften Blick, der den Roman überhaupt erst interessant macht bzw. Stoff für ihn gibt.

Dabei ist die Form des Bewusstseinsstroms besser bzw. leichter lesbar, als es zunächst den Anschein hat. Ein paar Seiten habe ich gebraucht, dann war ich drin im Rhythmus, der vor allem durch die Absätze im Text, wann immer Marcus’ Gedanken eine Abbiegung nehmen, vorgegeben ist und der den Überblick behalten lässt. Bernhard Robben hat es geschafft, das alles überzeugend ins Deutsche zu übertragen. Zwar bin ich letztlich nicht ganz warm geworden mit dem Roman, weil mir eine eindeutigere Spannungskurve gefehlt hat, dennoch ist der Roman mit dem deutlich eleganteren Originaltitel „Solar Bones“ lesenswert und erhielt verdient eine Nominierung für den Man Booker Prize 2017.

Mike McCormack: Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Steidl Verlag, 2019, 272 Seiten

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4 Antworten zu Gedankenstrom – Mike McCormack: Ein ungewöhnlicher Roman über einen gewöhnlichen Mann

  1. soerenheim schreibt:

    Mit Außnahme von Finnegans Wake & einigen Passagen von Ulysses hatte ich immer das Gefühl, dieses Stilmittel der endlosen Sätze werde sehr oberflächlich eingesetzt. In Marquez‘ Herbst des Patriarchen (dt. Übersetzung) hab ich mir einfach Satzzeichen gesetzt, damit ich auch mal im Kapitel pausieren konnte. Sie waren offenkundig „da“. Nur nicht sichtbar. Da scheint mir das Weglassen dann kaum mehr als Manierismus…

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    • letteratura schreibt:

      Das kann man bestimmt machen, irgendwann muss man ja auch mal pausieren. Gelungen fand ich dennoch, wie der Erzähler von einem Thema zum anderen kommt, so wie das eben ist, wenn man an etwas denkt, das einen an etwas Anderes denken lässt etc., wobei man das natürlich auch in anderer Form hätte umsetzen können.

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      • soerenheim schreibt:

        Hab ja auch nichts gegen Gedankenströme & assoziatives Schreiben. Aber so krasse Aktion wie „Null Satzzeichen“ wirken mE oft eher wie die oberflächliche Lösung zu einem Problem, das in der Satzstruktur zu lösen wäre. Wenn es ansonsten überzeugend rüber kommt, könnte das ja dennoch geklappt haben.

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      • letteratura schreibt:

        Ja, wenn es aufgesetzt wirkt und nur, um originell sein zu wollen, dann ist es überflüssig. Das liegt sicher im Auge des Betrachters :) Und es besteht die Gefahr, dass es sich abnutzt, was hier vielleicht auch der Fall ist und dazu beitragen könnte, dass der Roman mich eben nicht komplett überzeugt hat.

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