Lob der Alltäglichkeit – Stewart O’Nan: Henry persönlich

Vor acht Jahren erschien Stewart O’Nans hinreißender Roman „Emily allein“, in dem der amerikanische Autor das unspektakuläre Leben einer 80-jährigen Witwe beschrieb. Die Kinder längst aus dem Haus, der Hund gibt ihrem Leben Struktur, sie trifft ihre Schwägerin. So vergehen die Tage. In seinem neuesten Roman hat O’Nan die Zeit nun ein paar Jahre zurückgedreht, Emilys Mann Henry lebt noch. Während „Emily allein“ der Roman einer alleinstehenden, alten Frau war, ist „Henry persönlich“ nun die Studie eines Ehepaars, diesmal mit Fokus auf dem männlichen Part. Emily und Henry sind fast 50 Jahre verheiratet, sie kennen sich, wie sie sonst niemanden kennen, sie sind ein eingespieltes Team.

„Henry persönlich“ erzählt ebenso wie der später spielende Roman von Alltag und Normalität. Henry war Ingenieur und hat seine klar geregelten Bereiche im Haus, ist für alles Handwerkliche, für Reparaturen zuständig, während Emily andere Aufgaben hat. Sie möchte nicht, dass er diese klare Ordnung in Frage stellt, und so wagt er dies auch nur selten, sieht ihre Reaktion dann stets voraus.

Wir Leser gehen mit diesen beiden durch das Jahr, erfahren von den alltäglichen Verrichtungen im Haus, vom Einkaufen, Kochen, vom Essen im Club und von den wenigen Abenden, an denen die Routine durchbrochen wird, wie am Hochzeitstag der beiden, an dem es Henrys Aufgabe ist, etwas zu organisieren, das Emily gefällt. An Feiertagen kommen die Kinder mit den Enkeln zu Besuch, die alkoholkranke Tochter scheint gerade nicht zu trinken, aber ihre Ehe steckt in der Krise. Emily und die Schwiegertochter haben schon immer ein schwieriges Verhältnis. Henry macht sich zu all dem seine Gedanken, wägt ab, wo er sich einmischen darf und wie. In den Gesprächen mit seiner Frau überlegt er, was sie von ihm erwartet und allgemein ist er oft derjenige, der nachgibt, wenn sie eine Meinungsverschiedenheit haben.

Henry ist manchmal erstaunt darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist, und auch, dass er immer noch tiefe Gefühle für seine Frau hat, obwohl sich diese im Laufe der Jahre natürlich verändert haben. Emily ist nicht immer ganz einfach und Henry stellt fest, dass sie ihn auch nach all der Zeit manchmal noch überrascht. Neben dem akribisch erzählten Mikrokosmos, Gänge in den Supermarkt und zum Golfen, die Reparatur einer Besteckschublade gibt es Rückblenden in die Vergangenheit Henrys, die Nachkriegszeit, Kindheitserlebnisse. Passagen, die den Leser besser verstehen lassen, wie Henry zu dem wurde, der er ist.

Stewart O’Nan ist ein großer Erzähler, der genau hinschaut, der das Unspektakuläre zeigt, der filigran immer tiefer eindringt in diesen Mikrokosmos der langjährigen Ehe und in den Charakter seines meist eher stillen Helden. Da der Roman episodenhaft und in manchmal recht kurzen Kapiteln von Alltäglichkeiten erzählt und es keinen großen Spannungsbogen gibt, hat er ein paar kleine Längen, die aber zu verschmerzen sind, da der Autor ein Meister der Beobachtung ist, der allzu menschliche Figuren zeichnet und uns immer die Möglichkeit gibt, uns wiederzufinden in seinen Romanen, so auch in diesem. Sprachlich so elegant wie leicht. Ein lesenswertes Buch.

Stewart O’Nan: Henry persönlich, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, 2019, 480 Seiten

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6 Antworten zu Lob der Alltäglichkeit – Stewart O’Nan: Henry persönlich

  1. thursdaynext schreibt:

    da fällt mir ein, ich habe einen O’Nan aus der Stabiverschenkkiste gerettet. Kür, wenn die „Pflicht“ erledigt/gelesen ist :)
    Liebe Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Ich mag ihn sehr und habe schon einige seiner Romane gelesen – aber hier nicht rezensiert, wie ich gerade bemerkte, die Lektüre ist meist schon länger her. Ich wünsche viel Spaß!

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  2. Leseseiten schreibt:

    Sehr schöne und treffende Besprechung! Freue mich immer, wenn Stewart O’Nans Literatur, die ja auch sehr traurige und beklemmende Werke umfasst, auf Gegenliebe stösst.
    Falls noch nicht bekannt, möchte ich darauf hinweisen, dass der Maxwell-Kosmos noch ein früher erschienenes Buch umfasst. „Abschied von Chautauqua“spielt zeitlich am spätesten.
    https://leseseiten.wordpress.com/2019/11/24/stewart-onan-henry-persoenlich/

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    • letteratura schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar! Tatsächlich steht der Roman schon seit Jahren im Regal und wartet darauf, gelesen zu werden. Ich hatte es so verstanden, dass „Emily“ zeitlich am spätesten spielt, aber vielleicht habe ich das falsch in Erinnerung. Jedenfalls habe ich Lust, den fehlenden Roman bald zu lesen, mal schauen, ob ich dazu komme… viele Grüße!

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