Der manipulative Vater – Dana von Suffrin: Otto

Ein Roman über einen schlecht gelaunten Patriarch, der zum Pflegefall wird? Und der obendrein auch noch witzig sein soll? Das klang zunächst nicht nach einer Lektüre, die ich mir selbst ausgesucht hätte. Ich war skeptisch.

Bis ich die Autorin von „Otto“ auf der Buchmesse erleben durfte, was verdeutlichte, dass ich mir den Roman ganz falsch vorgestellt hatte. Weder gefühlsduselig-kitschig, noch vordergründig-albern, sondern tiefgründig, melancholisch, lustig, auch wenn einem das Lachen teils im Hals stecken bleibt.

Otto ist spät Vater geworden, er ist inzwischen sehr alt und liegt im Krankenhaus, wo seine Töchter, beide um die 30, ihn regelmäßig, das heißt täglich und wann immer er nach ihnen ruft, besuchen. Otto hält das für ihre Pflicht, für ihn ist es selbstverständlich, dass sie alles stehen- und liegenlassen, eigene Leben gesteht er ihnen nur widerwillig zu und so lange er an erster Stelle steht. Dabei beherrscht er die Kunst der emotionalen Erpressung, macht sich zum Opfer, beschimpft seine Töchter bei jeder Gelegenheit. Babi, die jüngere Tochter und Schwester der Ich-Erzählerin Timna, nennt er, so erfahren wir zu Anfang, eigentlich nur „Arschloch“. Timna und Babi sind nicht so dumm, dass sie nicht genau wüssten, wie Otto sie manipuliert, halten es dennoch für ihre Pflicht, dem Alten nach seiner Nase zu tanzen. Sie kennen es nicht anders. Die Mutter ist tot, war Alkoholikerin, weitere nahe Verwandte gibt es nicht. Lediglich Tann, den Timna im Krankenhaus kennenlernt und mit dem sie eine Beziehung beginnt, weist sie einigermaßen wütend auf die Spielchen des Vaters hin, was Timna allerdings nicht dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern.

Ottos Lebensgeschichte ist eine unstete, eine von Tragödien bestimmte, denn Otto ist ein Siebenbürger Jude, wanderte zunächst nach Israel aus, um später ins Land der Täter zu kommen. Er hat also Verfolgung und Vernichtung erlebt, Familienmitglieder verloren, doch seine Logik besagt auch, dass es keine weitere Judenvernichtung in Deutschland geben werde: Einmal reicht, das ist für ihn das Gesetz der Wahrscheinlichkeit.

Man kann also spekulieren, wieso aus Otto der schlecht gelaunte, manipulative Kauz wurde, der er ist, und man kann es auch verstehen. Ebenso wie man Verständnis für seine Töchter hat, die ihren Vater lieben und zwar nicht nur, weil er das Einzige ist, was sie noch haben. Dana von Suffrin schreibt in einer einzigartigen Mischung aus Komik und Tragik, ihr Ton ist oft melancholisch, wird dann durchbrochen durch plötzliche Unverschämtheiten, durch das Erzählen der Eigenarten Ottos, auch durch Unappetitliches, denn Otto hat ein besonderes Verhältnis zum Beispiel  zu seinem Urin.

Einen Plot, eine Handlung mit Spannungsbogen sucht man dabei vergebens. Dana von Suffrin nähert sich ihren Figuren von verschiedenen Seiten an, das ist oft assoziativ, sie springt in die Vergangenheit und erzählt Anekdoten von früher, die gleichzeitig komisch, aber auch deprimierend sind. Landet dann wieder im Heute, in dem Otto nach seinem Krankenhausaufenthalt zurück nach Hause kommt, wo seine Töchter eine ungarische Pflegerin engagieren, mit der sie sich mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen auf dem Smartphone verständigen. Familienromane erfreuen sich gleich bleibender Beliebtheit, weil jeder eine Beziehung dazu hat, und so kann man sich auch hier, wenigstens in Kleinigkeiten, wieder finden.

„Otto“ schafft das Kunststück, genau die richtige Balance zu finden zwischen Tragik und Komik, zu keinem Zeitpunkt führt die Autorin ihre Figuren vor oder macht sich über sie lustig. Melancholische, deprimierende Passagen werden durch teils deftigen Humor durchbrochen, so dass das alles stets ertragbar bleibt und trotzdem nichts von seiner Tragweite verloren geht. Ein überzeugender Debütroman einer Autorin, von der hoffentlich noch zu hören und zu lesen sein wird.

Eine sehr profunde Rezension findet sich auf kulturgeschwätz.

Dana von Suffrin: Otto, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 240 Seiten

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