Toxische Männlichkeit? – Jan Weiler: Kühn hat Hunger

Kühn hat Hunger. Und zwar nicht nur ein bisschen, weil das Frühstück schon etwas länger her ist. Er hat die Art von Hunger, die all jene kennen, die schon mal eine Diät ausprobiert haben, bei der es kaum um (das richtige) Essen geht, sondern vielmehr um Verzicht. Eine Avocado am Tag muss da ausreichen. Ein halber roher Blumenkohl. Man kann sich denken, dass so etwas an der Laune kratzt, dass ein ansonsten eher ausgeglichener und empathischer Kommissar wie Martin Kühn aus dem Gleichgewicht gerät. Aber er hat das Gefühl, für seine Frau Susanne nicht mehr attraktiv zu sein. Die Ehe kriselt seit einiger Zeit und Kühn wünscht sich die alten Zeiten zurück, in denen alles irgendwie lief und gut war. Wieso er ausgerechnet die Anweisungen eines Macho-Ratgebers, ausdrücklich für „echte Männer“, befolgt? So ganz passt das nicht zu Kühn, doch Jan Weilers drittem Roman um seinen sympathischen Helden gibt es Stoff – vornehmlich zum Stirnrunzeln, denn was dieser Ferdie Caparacq da an krudem Zeug an sein männliches Publikum in seinem sogenannten Ernährungsratgeber verzapft, ist dermaßen übertrieben, dass man sich beim Lesen ernsthaft fragt, wer diese Bücher eigentlich kauft und sich an die Anweisungen hält. Das geht auch Kühns Frau Susanne so, die nicht versteht, was in ihren Mann gefahren ist.

So viel also zu Kühns Leben, das, wie in den beiden ebenso lesenswerten Vorgängerromanen genauso viel Raum einnimmt, wie der Fall, den Kühn lösen muss – diesmal also mit eingeschränkten Mitteln aufgrund seiner angeschlagenen Konzentration. Doch Kühn bleibt Profi und seine Menschenkenntnis lässt ihn nicht im Stich, auch nach einigen Tagen des Hungerns.

Dass „Kühn hat Hunger“ weniger leicht daherkommt als die Vorgänger, dass ich im Roman den typischen leichten Weiler-Humor kaum gefunden, aber auch nicht vermisst habe, liegt wohl am Thema, das im Vordergrund steht. Eine junge Frau wird tot aufgefunden, erschlagen und quasi weggeworfen. Der Täter ist dem Leser von vornherein bekannt, so dass die Spannung sich nicht aus der Frage ergibt, wer die Frau denn nun umgebracht hat. Vielmehr folgen wir sowohl Kühn bei der Verbrechensaufklärung, vor allem aber blicken wir dem Täter tief in die Seele, denn Weiler versteht es, genauestens auszuleuchten, wie es zu der Tat kommen konnte, schafft es sogar in Augenblicken, dass einem diese Männer mal ganz kurz leid tun, die sich von der Frauenwelt verschmäht fühlen, weil sie unscheinbar oder unattraktiv sind, weil sie kein Geld, keine Macht, keinen Status haben. Die Zurückweisung, das Unsichtbarbleiben dieser Männer führt dann allerdings zu ungezügeltem Hass auf diese und eigentlich alle Frauen, die mit den Männern in deren Wahrnehmung spielen und auf sie herabsehen. Und das alles, weil der Feminismus das alte, das gute Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zerstört hat und weil die Frauen von heute einfach nicht mehr wissen, wo sie hingehören und viel zu viel mitzureden haben. So die verquere Logik dieser Typen. Gefährlich ist das auch deshalb, weil sie problemlos Gleichgesinnte im Netz finden und sich dort gegenseitig aufstacheln und bestätigen ihrer Weltsicht. Irgendwann ist der Schritt dann nicht mehr weit, sich an den Frauen in der realen Welt für deren Behandlung zu rächen.

So kommt Kühn dem Mörder langsam auf die Schliche, während er im Büro mit seiner Ex-Affäre zusammenarbeitet, seine Tochter ihm zu schnell erwachsen wird, sein Kollege im Rennen um eine anstehende Beförderung nicht mehr sein Freund ist und er sich nach einem besseren Verhältnis zu seiner Frau sehnt. Und all das hungrig.

Jan Weiler schreibt mehr als leichte Kriminalromane, in jedem seiner Kühn-Romane hat er es bisher geschafft, ein differenziertes Bild unserer Gesellschaft zu malen, und er ist dabei stets sehr aktuell. Seine Romane lesen sich schnell, sind sprachlich klar und unkompliziert, was vielleicht dazu beiträgt, dass er, so meine Wahrnehmung, allgemein unterschätzt und als leichte Unterhaltung abgetan wird, obwohl seine Romane gekonnt aufgebaut, spannend erzählt und immer am Puls der Zeit sind. Martin Kühn ist außerdem ein liebenswerter Typ mit Fehlern, einer, mit dem man gern mitfiebert. „Kühn hat Hunger“ habe ich ernster empfunden als die beiden Vorgänger, die Ausflüge ins Rotlichtmilieu sind einigermaßen deprimierend und die ausgedehnten Passagen aus dem Ernährungsratgeber hätte ich in dem Umfang nicht unbedingt gebraucht, da sie doch arg übertrieben sind. Alles in allem hat Jan Weiler mich aber wieder intelligent unterhalten und ein gesellschaftlich relevantes Thema angesprochen. Ich freue mich schon auf das nächste Kühn-Abenteuer, mit einem hoffentlich ausgeglichenerem Kommissar. Auf Buch-Haltung.com und dem Feinen Buchstoff gibt es weitere Rezensionen zum Roman.

Jan Weiler: Kühn hat Hunger, Piper Verlag, 2019, 416 Seiten

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