Apartheid, Außenseitertum und Korruption – Kenneth Bonert: Der Anfang einer Zukunft

Johannesburg, es sind die 80er Jahre. Martin Helger ist 16, sein Vater ist durch Schrotthandel reich geworden und Martin besucht eine teure jüdische Eliteschule. Auch sein Bruder Marcus war dort Schüler und sein Ruf als harter Kerl ist heute noch legendär. Marcus ist gegen den Willen seiner Eltern zum Militär gegangen, die Familie hat lange nichts von ihm gehört. Martin lebt abgeschottet in einer Art Blase, hat von Politik wenig Ahnung, glaubt aber zu wissen wer die Guten und die Bösen sind. Vom rauen Leben auf den Straßen bekommt er nichts mit, er lebt geschützt hinter hohen Mauern. Dass die Rassentrennung gut ist, hat man ihm eingebläut, bisher hat er sie nie in Frage gestellt. Als Jude ist er zwar auch ein Außenseiter, doch für ihn und seine Zukunft ist gesorgt.

Sein Leben ändert sich, als die Amerikanerin Annie als Austauschstudentin nach Südafrika kommt. Sie ist ein paar Jahre älter als Martin, sie ist hübsch und eigensinnig – Martin verliebt sich sofort in sie und will ihr unbedingt gefallen. Annie nimmt ihn mit heraus aus seiner heilen Welt, an die Schule, an der sie unterrichtet, sie zeigt ihm ein anderes Afrika. Sie macht ihm klar, dass es eine andere Sichtweise auf die Apartheid gibt, zeigt ihm, wie die Schwarzen im Land wirklich leben. Annie ist gekommen, um den Aufständischen zu helfen, um etwas zu verändern. Damit bringt sie sich und auch Martin in Gefahr.

„Der Anfang einer Zukunft“ ist ein ambitionierter Roman, der auf seinen gut 650 Seiten einige Nebenschauplätze öffnet. Der Roman ist unter anderem ein Coming-of-Age-Roman, er erzählt eine politische Geschichte und vermittelt ein differenziertes Bild von Südafrika in den späten 80er und 90er Jahren. Ein Land im Umbruch, kurz bevor Mandela aus dem Gefängnis entlassen wird, ein Land, in dem viele Interessen gegeneinander stehen und in dem Korruption und Gewalt an der Tagesordnung sind, auch von Seiten der Polizei, der nicht zu trauen ist. Eine Geschichte über eine Familie, um einen verlorenen Bruder und um Geheimnisse aus der Vergangenheit.

So habe ich einerseits viel gelernt in „Der Anfang einer Zukunft“, andererseits aber auch einige Szenen, vor allem jene, die Martins Alltag an seiner Schule erzählen, als zu lang empfunden. Es gibt viele Stellen, auch an anderen Schauplätzen, die man meines Ermessens hätte kürzen sollen, da das Buch doch einige Längen aufweist. Martin erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive, zum Glück ist seine Sprache aber nicht übertrieben jugendlich-cool, sondern wirkt recht authentisch (auch wenn ich mir nicht bei allen Ausdrücken sicher bin, ob sie Anfang der 90er schon so verwendet wurden).

Was recht harmlos anfängt, nimmt mit der Zeit immer mehr Fahrt auf, irgendwann wird der Roman zu einer Art Thriller, und vielleicht schießt Bonert dann auch etwas über das Ziel hinaus. Andererseits ist die geschilderte Dramatik vermutlich nicht übertrieben, ist und war Südafrika ein Land voller Kriminalität und Gewalt, und das verschweigt der Autor nicht. In jedem Fall schafft er es, zu überraschen.

Letztlich habe ich Kenneth Bonerts Roman trotz der Längen gern gelesen. Am Ende fügen sich die vielen losen Fäden, die Handlungsstränge, denen manchmal ein wenig die Luft ausgeht, zusammen und haben im Rückblick ihre Daseinsberechtigung. „Der Anfang einer Zukunft“ ist ein erschütternder Roman, der seine Themen gut verflicht, unterhaltsam, spannend und lehrreich.

Kenneth Bonert: Der Anfang einer Zukunft, aus dem Englischen von Stefanie Schäfer, Diogenes Verlag, 2019, 656 Seiten

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7 Antworten zu Apartheid, Außenseitertum und Korruption – Kenneth Bonert: Der Anfang einer Zukunft

  1. Wissenstagebuch schreibt:

    Hallo!

    Die Themen des Romans klingen interessant; die Geschichte lesenswert. Mich schreckt ein wenig ab, dass du die Längen so deutlich beim Lesen gespürt hast. Über das Thema Apartheid würde ich in der nächsten Zeit gern etwas lesen, den Roman behalte ich im Hinterkopf. Kannst du andere Bücher zum Thema empfehlen?

    Herzliche Grüße, Jana

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    • letteratura schreibt:

      Leider kenne ich keine anderen Romane zum Thema, mit fällt jedenfalls spontan nichts ein. Du kannst ja mal schauen, was andere zu diesem Buch sagen. Ich langweile mich generell schnell bei Pubertätsgeschichten muss ich gestehen, vielleicht bist Du da ja weniger streng?

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      • Wissenstagebuch schreibt:

        Danke für deine Antwort! Das kommt sehr darauf an, grundsätzlich bin ich da hinsichtlich der schnellen Langeweile aber ganz bei dir. Habe gerade Stefanie de Velascos ,,Kein Teil der Welt“ beendet (Teenager bei den Zeugen Jehovas), da hat mich der ,,typische Teenagerteil“ auch eher gelangweilt.

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      • letteratura schreibt:

        Das Buch liegt hier auch, ich bin sehr gespannt darauf. Vielleicht probierst Du es mit diesem hier einfach mal?

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      • Wissenstagebuch schreibt:

        Ja, ich setzte es auf die Merkliste und schau auf jeden Fall mal rein. Bin gespannt, was du von ,,Kein Teil der Welt“ hältst.

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    • Der Roman klingt sehr interessant! Du schaffst es immer wieder mich auf Romane neugierig zu machen, von denen ich vorher noch gar nicht gehört habe :)

      Ich habe im Frühjahr Jahr Born a Crime von Trevor Noah gelesen, eine Autobiografie über das Leben mit einem Weißen und einem Schwarzen Elternteil während der Apartheid. Das hat mir gut gefallen, war aber auch echt hart zu lesen zwischendurch.

      Herzliche Grüße
      Eva

      Liken

      • letteratura schreibt:

        Das freut mich! :) Das Buch von Trevor Noah ist mir gerade neulich auch begegnet, vielen Dank für den Hinweis und Deinen Kommentar!

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