Zwischen Menschen – Line Madsen Simenstad: Königin-Maud-Land ist geheim

Es ist ein schmaler Band von gerade mal 120 Seiten, den der Mare Verlag da passend zum Auftritt des Gastlands Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse herausgegeben hat. Fünf Geschichten der 1985 geborenen Norwegerin Line Madsen Simenstad sind dort versammelt, die meisten nur etwa 20 Seiten lang. Die dritte Story „Königin-Maud-Land ist geheim“ steht im Zentrum des Bands und ist mit ca. 50 Seiten die längste.

In ihr lernen wir eine Mutter und ihren kleinen Sohn kennen. Sie schirmt ihn ab und vermeidet den Kontakt zur Außenwelt und versucht, so etwas wie eine Parallelwelt zu schaffen, die sie „Königin-Maud-Land“ nennt. Ihrem Sohn sagt sie, dass dieses Land geheim bleiben müsse. Nach innen versucht sie, ihm Geborgenheit zu geben, doch eigentlich ist es wohl sie, die Hilfe braucht. Kontaktversuche von außen blockt sie vehement ab.

In „Über die Liebe“, der ersten Geschichte, lernen wir zwei Schwestern kennen, die über die Liebe sprechen. Die Ältere weiht die Jüngere in ihre Gedanken ein, doch bald wird sie fortgehen, die Jüngere zurückbleiben. „Roter Riese“ erzählt von einem Vater, der im Sterben liegt und von seiner Tochter bzw. der ganzen Familie, die ein bisschen so tut, als sei das, was geschieht, nichts weiter als eine lästige Krankheit, durch die man eben durch muss.

Am besten gefallen haben mir die vierte und die fünfte Story: In „Die Tschernobyltiere“ geht es abermals um eine Vater-Tochter-Beziehung. Beide leben mit der Lebensgefährtin des Vaters und dessen Sohn in einem Haus, es ist Silvester, der Vater bricht auf, um Böller zu kaufen, seine Freundin ist verärgert, weil er nicht pünktlich zurückkommt. Angestaute Wut kommt hoch, die Situation droht zu eskalieren. Die Tochter führt zum ersten und womöglich einzigen Mal ein Gespräch mit ihrem Stiefbruder, bevor sich zeigen wird, ob es für die Familie eine Zukunft gibt.

In „Mein Beileid“ steht wiederum eine junge Frau im Mittelpunkt, die sich einem Taxifahrer anvertraut. Ihr Freund hat sich nach einem Trauerfall von ihr getrennt, hat ihr die Möglichkeit verwehrt, sich in diesen schweren Tagen um ihn zu kümmern. Wie soll sie damit umgehen?

Alle Geschichten in Line Madsen Simenstads Buch sind kurze Ausschnitte, Momentaufnahmen im Leben der meist jungen Frauen, um die es geht und zeigen einschneidende Ereignisse in ihrem Leben. Sie sind in einfacher Sprache verfasst, hier werden nicht viele Worte gemacht, alles wirkt erst einmal nüchtern und etwas distanziert, während es unter der Oberfläche brodelt.

Fast immer wollte ich weiterlesen, besonders die beiden Storys, die mir am besten gefallen haben, wollte wissen, was in der Silvesternacht mit Tochter und Vater und dem Streit um die Böller geschieht, wollte dabei sein, wenn die Taxifahrt der Verlassenen beendet ist. Für mich ein Zeichen, dass es der Autorin gelingt, auf kleinstem Raum einen Kosmos zu schaffen, ihre Leser mit wenigen Worten, mit reduzierten Mitteln, zu fesseln, so dass man das Gefühl hat, man habe eine längere Erzählung, vielleicht sogar einen Roman gelesen. Es sind Geschichten um menschliche Beziehungen, darum, wie sie miteinander umgehen, was sie einander sein wollen oder können. Geschichten, die nur einen Ausschnitt zeigen, in denen aber viel mitschwingt. Ein schmaler Band mit kurzen Einblicken, klein, aber fein.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Buch-Haltung.

Line Madsen Simenstad: Königin-Maud-Land ist geheim, aus dem Norwegischen von Ilona Zuber, Mare Verlag, 2019, 128 Seiten

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2 Antworten zu Zwischen Menschen – Line Madsen Simenstad: Königin-Maud-Land ist geheim

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Liegt bei mir noch auf dem Stapel, freue mich nun noch umso mehr. Viele Grüße

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