Zwei Leben – Javier Marías: Berta Isla

Kann man jemanden lieben, ohne wirklich etwas über ihn zu wissen? Wenn große Teile seines Lebens im Verborgenen bleiben, weil er nicht über sie reden darf, wenn ihm genau das verboten wurde und ein Überschreiten dieses Verbots verheerende Konsequenzen hätte? Wenn man nicht nur ahnt sondern sicher weiß, dass es Geheimnisse gibt im Leben des anderen, der noch ein zweites Leben lebt. Eines, in dem man nicht vorkommt.

Es sind Fragen wie diese, die Berta Isla, Titelfigur in Javier Marías’ neuestem Roman, sich nicht nur immer wieder stellt, sondern mit deren Konsequenzen sie leben muss. Sie lernt Tomás schon in der Schule kennen, die beiden werden früh ein Paar und sind sich schnell sicher, dass sie zusammenbleiben wollen. Tomás, der auch Tom genannt wird, hat die spanische und die britische Staatsbürgerschaft und verbringt seine Studienzeit in England, während Berta in Spanien bleibt. Nach dem Studium, so ist es vereinbart, wollen die beiden heiraten. Tom hat ein außergewöhnliches Sprachtalent und auch sonst einige Begabungen, die ihn für den britischen Geheimdienst attraktiv machen. Man versucht, ihn anzuwerben, doch zunächst lehnt er ab. Als etwas Schlimmes passiert, wendet sich jedoch das Blatt. Tom kommt verändert zu Berta zurück. In Zukunft wird er oft von zu Hause weg sein und niemals erzählen dürfen, was er tut und wo er sich aufhält. Berta weiß, dass sie nicht fragen darf – und fragt trotzdem. Wenn Tomás nicht da und nicht zu erreichen ist, beginnt sie, sich zu quälen. Dennoch entscheidet sie sich dafür, bei ihm zu bleiben und bekommt zwei Kinder mit ihm, obwohl sie mehr und mehr das Gefühl hat, ihn eigentlich gar nicht zu kennen und die Situation sie über die Jahre nicht nur belastet, sondern regelrecht zermürbt.

Javier Marías schreibt in „Berta Isla“ die von ihm gewohnten Schachtelsätze, denen man ihre Länge nicht anmerkt, weil seine Sprache einem Rhythmus folgt und weil sie einen immer weiter treibt, so dass man gar nicht anders kann, als den Roman relativ schnell zu lesen. Seine Sprache ist sehr elegant und auf den Punkt und der Perspektivwechsel zwischen auktorialer und Ich-Perspektive gibt der Geschichte weitere Facetten. Immer wieder schiebt der Erzähler Kommentare und allgemeine Gedanken zu den konkreten Geschehnissen ein, vor allem zur menschlichen Natur, erläutert das Verhalten Bertas und Tomás’, das man nur zu gut nachvollziehen kann.

Über weite Teile des Romans widmet sich die Geschichte jeweils einem der beiden Protagonisten, sodass wir Leser beiden recht nahe kommen, obwohl auch wir viele Einzelheiten aus Tomás’ Leben nicht kennen. Vor allem aber ist es Berta, der wir so nahe sind, dass es manchmal nur schwer auszuhalten ist. Marías blickt sehr tief in die Dynamik dieser Beziehung, macht deutlich, wie groß das Dilemma beider ist und erreicht dabei eine ungeheure psychologische Tiefe.

„Berta Isla“ ist also einmal mehr so etwas wie ein Eheroman, gleichzeitig ist es aber auch ein Agentenroman, der einige wichtige zeitgeschichtliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts – der Roman spielt über eine lange Zeit hinweg – mit einfließen lässt und das Leben eines Spions beleuchtet. Es mag aufregend sein, doch der Preis, den Tomás zahlt, ist hoch. Diese Stellen des Romans sorgen dann auch für Spannung, an anderen hingegen, gerade im Mittelteil des Romans, hätte man meiner Meinung gern kürzen dürfen, da die Spannung sehr abflacht und der Geschichte ein wenig die Puste ausgeht.

Berta Isla ist ein gekonnt geschriebener Roman über eine außergewöhnliche Beziehung, die ihren Voraussetzungen eigentlich kaum standhalten kann. Über die Seelenqualen eines Spions und die nicht minder großen Qualen der Frau, die ihn liebt. Eine Geschichte, die auch deprimieren kann, mit ein paar kleinen Längen, in jedem Fall sprachlich hervorragend und mit differenziertem Blick erzählt. Lesenswert!

Eine weitere Rezension gibt es auf Travel without moving.

Javier Marías: Berta Isla, aus dem Spanischen von Susanne Lange, Fischer Verlag, 2019, 656 Seiten

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4 Antworten zu Zwei Leben – Javier Marías: Berta Isla

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Marias zählt zu meinen Lieblingsautoren. Leider gab es in der Vergangenheit bei mir eine Lesepause, was seine Romane betrifft, weil ich mit einem seinem früheren Roman etwas gehadert habe, den ich auch nicht zu Ende gelesen habe. Mir fällt auf die Schnelle der Titel nicht ein. Ich glaube aber nun, ich sollte die Pause endlich beenden und zu seinem neuesten Buch greifen. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Mir geht das ähnlich, ich habe früher alles gelesen, was rauskam, vor allem „Mein Herz so weiß“ und „Morgen in der Schlacht denk an mich“ habe ich sehr geliebt. Aber aus irgendeinem Grund habe auch ich irgendwann aufgehört, ihn zu lesen. Ich glaube, mit diesem Roman kannst Du gut wieder einsteigen. Viele Grüße!

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