Die Liebe zur Musik ist subjektiv – Start der KiWi Musikbibliothek

Vor einiger Zeit erreichte mich überraschende Post vom Verlag Kiepenheuer & Witsch, die mich sehr gefreut hat: Im Paket befanden sich alle vier Bände, mit denen der Verlag die „KiWi Musikbibliothek“ startet, eine Reihe, in der bekannte Menschen bzw. Autoren oder Journalisten über ihre Lieblingsmusiker oder Bands schreiben. Radikal subjektiv. Um die Liebe zum geschriebenen Wort mit der Liebe zur Musik zu vereinen.

Mit diesem Beitrag zur KiWi Musikbibliothek gibt es eine Premiere auf meinem Blog: Der folgende kursiv gehaltene Text, der sich mit einem der vier Bände befasst, wurde von meinem Bruder geschrieben.

Robert zu Thees Uhlmann: Die Toten Hosen

Ein Buch über die Toten Hosen von Thees Uhlmann? Als Fan von beidem war mein Interesse schnell geweckt.

Das Buch beginnt mit seinem ersten Konzert der Toten Hosen 1988, kurz bevor mit „Ein kleines bisschen Horrorschau“ der große Durchbruch kam und beschreibt, wie er vom Fan zum Freund der Band wurde bis zu dem Tag, an dem er selbst Vorband sein durfte für 70.000 Hosen-Fans.

Das Ganze ist daher auch eher ein Buch über Thees Uhlmann als über die Toten Hosen. Die meisten Fans der Düsseldorfer werden daher auch nicht viel Neues über die Band erfahren, wenn man nicht gerade neugierig ist, wie Campino sein Abendessen beschreibt.

Der Autor erzählt über die Menschen, die ihn mit den Toten Hosen in Kontakt brachten, genauso wie über die Menschen, die er durch die Band kennengelernt hat. Und viel über sich. Seine Jugend, seine Eltern und seine eigene Tochter. Dabei hat er oft einen humorvollen Blick auf die Vergangenheit und die heutige Zeit, die mich mehr als einmal zum Schmunzeln und Lachen brachte.

„Um Himmels willen. Die kleinen Versatzstücke der 9. Symphonie auf der Ein kleines bisschen Horrorschau waren also genug, um uns einen quälenden Familientag in Hamburg zu schenken, mit dem krönenden Abschluss: das klassische Konzert. Vielleicht hatte meine Mutter aber einfach damals schon Humor und hat ihren Freundinnen nach Weihnachten erzählt: ‚Denen hab ich gut gegeben‘“

Es ist also eher ein Buch darüber, wie Die Toten Hosen das Leben von Thees Uhlmann begleitet und geprägt haben. Zumindest ich fand das Ganze so unterhaltsam, dass ich das Buch schnell durch hatte und danach das dringende Bedürfnis, mir das „Bis zum bitteren Ende“-Album nach langer Zeit mal wieder anzuhören.

Soweit Roberts Eindrücke zum Tote-Hosen-Buch. Ich habe dann zunächst die anderen Bände gelesen. Zunächst Anja Rützels Liebeserklärung an Take That. Als Teenager war ich nie Take-That-Fan, am besten vertiefe ich das Thema Boyband-Vergangenheit hier nicht weiter… Take That konnte man sich in den 90ern nicht entziehen, doch sowohl ihre Auflösung, als auch die spätere Wiedervereinigung haben mich ziemlich kalt gelassen. Bei Anja Rützel war das nicht so – zumindest, was die Neuauflage der Band angeht, denn in der frühen Zeit der Band war sie kein Fan. Dann aber umso mehr. Rützel erzählt sehr launig von ihrer Lieblingsband und betont, dass ihre Liebe zu Take That völlig unironisch ist, dass die Band ihr wirklich etwas bedeutet, auch heute noch. Sie analysiert die Bandmitglieder treffend und durchaus auch kritisch, was auch für ihre Musik gilt. Es ist sehr erfrischend, diese humorige Annäherung zu lesen. Und sie zeigt so wunderbar auf, wie wichtig die Musik sein kann, die uns wichtig war in unserer Jugend, auch wenn sicher nicht alles aus dieser Zeit später noch von Bedeutung ist. Wie Musik von damals auch heute noch erschüttern oder hinreißen kann und dass man wohl nie mehr so vorbehaltlos und intensiv Fan war wie damals.

Als nächstes habe ich mich Tino Hanekamps Buch zu Nick Cave gewidmet. Mit Nick Cave habe ich mich nie wirklich beschäftigt, passenderweise aber vor Kurzem darüber nachgedacht, das nachzuholen. Da kam Hanekamps Buch gerade recht. Seine „Liebeserklärung“ kommt ganz anders daher: Er erzählt davon, wie er mit seiner Frau, mit der er zusammen in Mexiko lebt, zu einem Nick-Cave-Konzert fährt, wobei die Fahrt mehrere Tage dauert, und ihr dabei die Musik Caves nahe bringen will. Sie kennt ihn kaum, und er möchte gern, dass sie versteht, was an Cave für ihn so besonders ist. Und so muss sie seine Songs hören und Geschichten über ihn. Hanekamp erzählt dies wie eine fiktive Geschichte – und ganz klar ist es tatsächlich nicht, wie viel davon wirklich geschehen ist. Ich möchte gern glauben, dass das Meiste davon wahr ist, ich habe Einiges über Nick Cave erfahren, vor allem über die Art und Weise, wie er mit dem plötzlichen Tod seines Sohnes vor ein paar Jahren umgegangen ist, diese Passagen gehen erwartungsgemäß besonders nahe. Aber auch über Hanekamp habe ich viel erfahren. Über seine Schreibblockade, die ihn schon seit Jahren plagt, über den zweiten Roman, auf den sein Verlag schon so lange wartet. Vor allem aber über seine erste Begegnung mit Cave vor vielen Jahren: Noch heute schämt er sich dafür, wie er sich damals verhalten hat. Das Treffen mit seinem Idol, auf das dieses Buch hinausläuft, ein Treffen, das nach dem Konzert stattfinden soll, wird daher zwei wichtige Fragen beantworten – oder nicht? 1. Wird Cave sich erinnern an ihn und wenn nicht, was wird er sagen, wenn einmal an die für Hanekamp so peinliche Begegnung erinnert? Und 2. Kann das Treffen mit Cave tatsächlich so nachdrücklich sein, dass Hanekamps Schreibblockade gelöst wird? Hanekamps Cave-Buch ist auf seine Weise persönlich, da der Autor auch mit sich selbst ins Gericht geht. Es zeichnet Nick Cave als schillernde Figur wie auch als einen, der mit einer Tragödie konfrontiert seinen Weg sucht.

Frank Ocean, das gestehe ich hiermit, kannte ich nicht. Allerdings ist seine R&B bzw. Rapmusik auch einfach nicht mein Genre. Sophie Passmann aber verbindet mit Frank Ocean, bzw. mit seinem Album „Blonde“ eine besondere Geschichte. Dieses Album ist für sie eng verknüpft mit einem Jahr, in dem es ihr sehr schlecht ging, sie unter Depressionen litt, in denen sie die Diagnose bekam, unter einer bipolaren Störung zu leiden und mit dieser Diagnose leben lernen musste. „Blonde“ hat sie dabei begleitet. Das Buch über Frank Ocean ist das kürzeste der bisher erschienenen in der Reihe, doch ist es auch das persönlichste, und das, deren Autorin wohl am meisten von sich preisgegeben hat. Das ist sehr mutig und es ist, bei aller Schwere, schön zu lesen, wie Musik helfen kann, wenn es einem schlecht geht. Sie ist kein Wunderheiler, doch sie kann trösten.

Am Ende habe ich dann, weil mich die Bände zu Take That, Nick Cave und Frank Ocean auf so unterschiedliche Weise angesprochen haben, auch noch Thees Uhlmanns Buch zu Die Toten Hosen gelesen. Meine eigene „Tote-Hosen-Phase“ war sehr kurz, umfasste wohl nur ein Album, und das ist ewig her, aber was soll’s, Thees Uhlmann schreibt unterhaltsam, witzig, so launig über sein Fansein, erzählt, wie Robert es schon festgestellt hat, auch viel von sich selbst, sein Leben, seine eigene Musik. Es sind die vielen kleinen Absurditäten, die schrägen Gedanken, auch die plötzlichen Themenwechsel, die mich sein Buch genießen ließen.

Es ist eine wirklich schöne Idee, die der Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ da in die Tat umgesetzt hat. Die Bände haben weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch wollen sie in irgendeiner Art objektiv sein, vielmehr geht es um die Liebe zur Musik, zum Lieblingskünstler, zu Lieblingsband. Ich bin sehr gespannt, mit wem es weitergehen wird, und wer über jemanden schreiben wird, den ich ähnlich verehre wie die Autoren der vorliegenden Bände es beschreiben. Beim Lesen dieser Geschichten, dieser ganz subjektiven Geschichten, die so wunderbar zeigen, wie individuell Fansein ist, wie großartig es ist, eine Musik zum ersten Mal zu hören, die einem das Gefühl gibt, nur für einen selbst geschrieben zu sein, – beim Lesen dieser Geschichten fragt man sich unwillkürlich, wer für einen selbst diesen Stellenwert hat und warum das eigentlich so ist. Und dann stellt man fest, wie großartig das eigentlich ist. Und vielleicht fragt man sich, über wen man schreiben würde, wenn man müsste, könnte, wollte.

Bis zum Erscheinen der nächsten Bände ist es schön, zu wissen, dass es Menschen gibt, denen Musik etwas bedeutet, die ohne sie nicht können und wollen. Vier davon sind in der Musikbibliothek schon einmal verewigt. Tino Hanekamp, der seine Schreibblockade überwinden und ein weniger desaströses Treffen mit seinem Idol ersehnt. Anja Rützel, die Take That liebt und die einem dafür einfach sympathisch sein muss. Sophie Passmann, die viel Persönliches preisgibt, was sehr mutig und wertvoll ist. Und Thees Uhlmann, der nicht nur Musiker, sondern auch Fan ist. Und das gern und mit Leidenschaft. Mit Uhlmann möchte ich nach der Lektüre seines Buches dann auch ein Bier trinken gehen. Mein Bruder darf mitkommen.

Zur KiWi Musikbibliothek gibt es auch einen hörenswerten Podcast und die jeweiligen Playlists zu den Büchern auf Spotify. Nähe Infos dazu gibt es hier. Und jetzt viel Spaß beim Lesen und Musikhören!

Thees Uhlmann: Die toten Hosen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 192 Seiten
Anja Rützel: Take That, Kiepernheuer & Witsch Verlag, 2019, 160 Seiten
Tino Hanekamp: Frank Ocean, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 144 Seiten
Sophie Passmann: Frank Ocean, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 96 Seiten

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