Verschüttet – Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Wenn morgen verkündet wird, wer in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis erhält, dann könnte mit Raphaela Edelbauer eine Debütantin gewinnen. Zwei weitere Debütromane haben es auf die Shortlist geschafft. Wie bereits Miku Sophie Kühmels „Kintsugi“, das sich ebenfalls unter den letzten sechs befindet, hat mir auch „Das flüssige Land“ sehr gefallen. Dass ich fest mit Norbert Scheuer als Buchpreisgewinner rechne, ist dabei eher zweitrangig – außerdem ist die Jury ja immer für eine Überraschung gut. Edelbauer steht außerdem auch auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises (und Miku Sophie Kühmel erhält in diesem Jahr den aspekte Literaturpreis). Das dritte Debüt auf der deutschen Shortlist, Tonio Schachingers „Nicht wie ihr“ habe ich nicht gelesen.

Wieso also ist das Land, um das es hier geht, flüssig? Die junge Physikerin Ruth erhält zu Beginn des Romans einen Anruf, der alles verändert: Ihre Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ruth ist im Ausnahmezustand, weiß erst einmal nicht, wohin mit sich, setzt sich ins Auto und fährt los. Von ihrer Tante weiß sie, dass die Eltern unbedingt in Groß-Einland begraben werden wollten, einem Ort, den Ruth nicht kennt – und den sie zunächst auf keiner Karte finden kann und den niemand zu kennen scheint. Es ist ein Zufall, dass sie den Ort dann doch noch findet, als sie ein Gespräch mithört, in dem vom ihm die Rede ist.

Groß-Einland ist ein merkwürdiger Ort. Nicht nur befindet sich ein Loch mittendrin, ein Hohlraum, dem nicht beizukommen ist, den man nicht einfach zuschütten kann, der ein merkwürdiges Eigenleben zu führen scheint. Der das Land „verflüssigt“. Dieses Loch scheint auch eine Wirkung auf die Bewohner des Ortes zu haben. Sowieso sind sie allesamt ein bisschen seltsam, das bemerkt Ruth gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes dort. „Herrin“ des Ortes ist die Gräfin, die auf seltsame Art alle Fäden zusammenzuhalten scheint und die über alles, was in Groß-Einland geschieht, stets bestens informiert ist. Von ihr erfährt Ruth auch, dass ihre Eltern den Ort sehr regelmäßig besucht haben, ja, sie seien Freunde der Gräfin gewesen – von all dem hatte Ruth keine Ahnung.

Auch auf Ruth hat Groß-Einland eine merkwürdige Wirkung. Die Gräfin bietet ihr einen Job an, nebenbei könne sie an ihrer Habilitation weiter arbeiten. Als Physikerin müsse es doch ein Leichtes für sie sein, einen Weg zu finden, dem Loch endlich beizukommen – dass Ruths Forschungsgebiet ein anderes ist, wird dabei einfach ignoriert. Sowieso ignoriert man in Groß-Einland gern, was man nicht sehen oder hören möchte, was immer wieder zu merkwürdigen, durchaus humorigen Dialogen führt, in denen Ruths Gesprächpartner gern mal ziemlich schroff einfach stur an ihr vorbeireden.

Ruth beginnt zu recherchieren, nimmt täglich Akten mit nach Hause und stößt auf Ungereimtheiten, die mit der Geschichte Groß-Einlands und Ereignissen während des Nationalsozialismus zusammenhängen. Im Dorf wird das nicht gern gesehen, immer misstrauischer wird Ruth beäugt, Menschen, mit denen sie sich angefreundet hat, gehen auf Distanz. Derweil wird der Hohlraum unter dem Ort immer größer und bedroht die Statik des ganzen Dorfes.

„Das flüssige Land“ ist eine seltsame Mischung aus Fantasy, Distopie und einer Art Selbstfindungsroman. Eine Geschichte voller Symbolik: Wenn die Bewohner alles, was sie loswerden wollen, in das mysteriöse Loch schütten und die nationalsozialistische Vergangenheit stets über allem hängt, die man doch aber verdrängen und vergessen möchte, dann kann man das sicherlich als zu offensichtlich empfinden. Oder als stimmig in diesem so surreal wirkenden Roman. Dazu passt auch Edelbauers bildreiche Sprache, mit der sie eindrückliche, immer etwas merkwürdige Bilder malt.

„Die Couch sickerte trüb in die Wohnzimmerwand und hinein in die gräuliche Wolkenstimmung des Frühnachmittags.“ Kapitel 1

„Ich war schockiert über das Ausbluten dieses Monologs, der mir unmittelbar von den Lippen gelaufen war“. Kapitel 3

„Das flüssige Land“ ist ein seltsamer, oft unwirklicher Roman um eine Frau, die alles andere als surreal ist. Ein verwirrendes und fesselndes Buch, das den Platz auf der Shortlist verdient hat.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land, Klett-Cotta Verlag, 2019, 350 Seiten

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3 Antworten zu Verschüttet – Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

  1. thursdaynext schreibt:

    Es hat den Buchpreis verdient! Großartige Sogwirkung. Und eine Geschichte die frau nicht so schnell vergisst.

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  2. wandablue schreibt:

    Das sehe ich ganz anders!

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