Verlierer – Claire Beyer: Revanche

Tobias Ristow hat keinen guten Start ins Leben erwischt: Als drittes Kind eines Unternehmers mit dessen zweiter Frau, der aus erster Ehe bereits zwei Söhne hat, ist für ihn kein Platz in den Vorstellungen des stets distanzierten Vaters. Der hatte sich eigentlich ein Mädchen gewünscht, schließlich ist die Firma ja durch die beiden ersten Söhne bereits für die nächste Generation gesichert.

Seine Mutter stirbt früh, der Vater nimmt ihn nicht für voll und schenkt ihm nach dem Abitur zwar eine komfortable Wohnung. Im Gegenzug jedoch überredet er Tobias, ein paar Unterschriften unter Dokumente zu setzen, deren Inhalt dieser nicht einmal kennt, und von deren Tragweite er keine Ahnung hat. Schließlich sieht er keinen Grund, seinem Vater nicht zu vertrauen. Zudem hat er ein paar schwere Schläge einstecken müssen und einige Zeit in einer Klinik verbracht, ist psychisch angeschlagen, wird generell als Träumer belächelt.

Schließlich lernt er Lea kennen, eine toughe Frau, die weiß, was sie will, und die recht bald bemerkt, dass Tobias nicht der Mann ist, den sie sich für sich und den halbwüchsigen Sohn Raphael vorstellt. Ihr schwebt da eher jemand anderes vor…

„Revanche“ war meine erste Begegnung mit dem Werk von Claire Beyer, deren Romantitel alle mit dem Buchstaben „R“ beginnen. Dieser ist der sechste Roman in der Reihe. Den Grund dafür will sie erst in ihrem zehnten Roman verraten. Vergleiche zu den Vorgängern kann ich nicht anstellen, jedoch soll der aktuelle Roman der erste ohne persönlichen Bezug sein und der erste, der über mehrere Generationen aus einem distanzierten Blickwinkel erzählt.

Vielleicht liegt hier auch schon das erste Problem, das ich mit dem Roman hatte. Drei Generationen, ein kompliziertes Vater-Sohn-Verhältnis, Beziehungsprobleme, psychische Probleme, die Frage nach Rache, dazu noch der Komplex um ein Computerspiel, das ein alter Freund von Tobias anhand von Aufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg auf die Beine stellen will, das alles erscheint mir doch recht viel Stoff für einen Roman von gerade einmal 190 Seiten Umfang, zumal vieles recht schnell abgehandelt wird, ohne in die Tiefe zu gehen. Tobias passieren einige schlimme Dinge, Tragödien, die unvermittelt in den Roman eingebaut werden, auf die aber nicht näher eingegangen wird. Auf mich hat das befremdlich gewirkt.

Dass ich den unvermittelten Einstieg in die Geschichte mit dem jungen Raphael, der über die ersten 30 Seiten die Kriegsaufzeichnungen von Tobias’ Großvater aus dem Ersten Weltkrieg liest, nicht ganz gelungen fand, ist sicher Geschmackssache. Sprachlich gibt es zumindest nichts Negatives zu sagen, mitgerissen hat mich die Sprache in „Revanche“ aber leider auch nicht.

Ich beginne jeden Roman und generell jedes Buch mit dem Wunsch, es zu mögen und bedaure stets, wenn es nicht so kommt. „Revanche“ empfinde ich zwar nicht als misslungenes Buch, aber mir fehlt jede Dringlichkeit, es zu lesen. Tobias Ristow und seine Geschichte sind mir nicht nahe gekommen, er hat mich im Gegenteil ziemlich kalt gelassen. Mir bleibt also nur zu hoffen, dass andere Leser „Revanche“ mehr würdigen werden, als es mir möglich war.

Claire Beyer: Revanche, Frankfurter Verlagsanstalt, 2019, 190 Seiten

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