Reise nach Armenien – Katerina Poladjan: Hier sind Löwen

„In Armenien macht man sich mehr Sorgen um die Vergangenheit als um die Zukunft.“ Kapitel Sara S. 31

Helen reist nach Armenien, um dort im staatlichen Archiv ein Praktikum zu machen. Sie ist Buchrestauratorin und möchte typische armenische Buchtechniken zu lernen. Außerdem hat sie selbst armenische Vorfahren. Ihre Mutter, die sie nur beim Vornamen nennt, hat ihr ein Foto mitgegeben, auf dem Familienmitglieder zu sehen sein sollen und sie somit auf Spurensuche geschickt.

Zu Hause zurück bleibt Danil, mit dem Helen oft telefoniert und der sie vielleicht noch besuchen wird in Jerewan. Doch Helen knüpft auch Kontakte, schließt Freundschaften und Bekanntschaften – und verliebt sich. Alles läuft nur auf Zeit, alles bleibt im Unklaren, auch als sie schließlich eine Reise Richtung Türkei aufbricht…

Parallel zu Helens Geschichte erzählt „Hier sind Löwen“ von zwei Kindern hundert Jahre zuvor, die vor den Türken fliehen mit nichts als einer alten Bibel im Gepäck. Es ist die Bibel, die Helen in der Gegenwart restauriert. Nur eine kleine Notiz weist darauf hin.

Katerina Poladjan erzählt in ihrem Roman „Hier sind Löwen“ auf lakonische und präzise Weise von ihrer Heldin Helen und ihrer Reise nach Armenien. Sprachlich genau, aber nicht ohne Poesie ist ihr Roman, der seine Protagonistin nie wirklich komplett zu fassen scheint. Erklärt wird nichts, vielmehr erlebt man das Geschehen an der Seite der Protagonistin mit, sieht mit ihren Augen auf die Welt, in der ganz offenbar gar nicht alles eine Erklärung haben muss. Auch Helen selbst scheint bestimmte Fragen nicht zu stellen. So hat der Roman auf mich eine fast diffuse Faszination ausgeübt, die ich nur schwer greifen kann.

Auch die Dialoge in „Hier sind Löwen“ irritieren durch die fast harsche Direktheit der Sprecher, man ist gerade heraus und hält sich kaum mit Höflichkeiten auf. Poladjans Roman hat mich immer wieder kurz innehalten lassen und vor allem mit der Zeit stark hineingezogen in das Leben dieser Helen, die fremd ist in Armenien und doch dazu gehört in diesem Land, dessen Vergangenheit immer präsent ist. Und die sich auf eine Reise begibt, die viel mit ihr selbst zu tun hat und immer mehr auch zu einer Art Selbstsuche wird.

So lässt sich „Hier sind Löwen“ nur schwer greifen, sperrt sich, fasziniert aber auch und wirkt nach. Ein melancholischer Roman von einer Autorin, die selbst russisch-armenische Wurzeln hat und so auch die eigene Geschichte in Romanform mitverarbeitet hat. Katerina Poladjan stand mit „Hier sind Löwen“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019.

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen, Fischer Verlag, 2019, 288 Seiten

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5 Antworten zu Reise nach Armenien – Katerina Poladjan: Hier sind Löwen

  1. soerenheim schreibt:

    mE der beste Roman auf der Shortlist dieses Jahr. Sprachlich sehr bildhaft, ohne geschwätzig zu werden. In den Dialogen „to the point“, mit diesem leichten Drift ins Absurde, dass alle ganz knapp aneinander vorbei reden. Eine durchdachte Symbolik, die sich konsequent durch den Text zieht. Parallelgeschichten, die sich klug aufeinander beziehen, ohne dass das nach Schema durchgeführt würde. Und trotz des politischen Hintergrunds kein Wort Predigt. Alles durch Figuren, ihre Gespräche und Handlungen erzählt.
    Meine Besprechung, in der all das etwas ausführlicher nochmal steht: https://soerenheim.wordpress.com/2019/09/16/das-buch-das-den-preis-verdienen-wuerde-oder-besser-dass-man-es-nicht-vergisst-hier-sind-loewen-von-katerina-poladjan/

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  2. Constanze Matthes schreibt:

    Ich habe das Buch recht gern gelesen, obwohl ich zu Beginn ein paar Anfangsschwierigkeiten hatte, eben auch mit den Dialogen, die Du bereits erwähnst. Angesichts der verschiedenen Themen hätte ich mir sogar etwas mehr Umfang gewünscht. Diese hätten das sicherlich hergegeben. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Ich wusste auch länger nicht, wo das Ganze eigentlich hingeht, mit der Zeit wurde alles etwas klarer, wenn auch etwas diffus… viele Grüße zurück!

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