Große Weltbühne und privates Glück  – Nora Bossong: Schutzzone

Mira, um die 30 und bei den Vereinten Nationen tätig, wird nachgesagt, dass sie eine gute Zuhörerin ist. In ihrem Job kommt sie auch mit denen in Kontakt, die keine weiße Weste haben, Diktatoren und Warlords, steht mit ihnen abends bei Dinnerpartys am Pool, in dem Wissen, sie mögen gentleman-like herausgeputzt sein, höflich und zuvorkommend gegenüber der UN-Gesandten, die etwa eine Wahrheitskommission vorbereiten soll, an die sie selbst nicht recht glaubt. Doch sie ticken anders, diese Männer, und sie schrecken eben nicht vor Gewalt zurück, sie haben Menschen auf dem Gewissen, auch wenn Mira selbst nichts zu befürchten hat, und wenn man denken könnte, es handle sich um eine nette Geschäftszusammenkunft, denn draußen ist alles abgeriegelt und die Gesellschaft wird streng bewacht.

Dieses Leben, das Mira lebt, ist ein unstetes, eines, das vielleicht nur ihre Kolleginnen und Kollegen verstehen können. Ob nun in New York oder Genf, beobachtend und verwaltend, oder direkt an den Krisenherden, in Kenia, Ruanda oder Burundi, oder wo sonst Mira im Laufe ihres Arbeitslebens schon gewesen ist oder wo man sie in Zukunft noch hinschicken wird. Sie hat dieses Leben gewählt, und vielleicht hat das etwas mit jenen Wochen zu tun, die sie als Achtjährige in der Familie von Milan verbracht hat, als ihre Eltern sich trennten und man die Tochter so für kurze Zeit aus der Schusslinie bringen wollte. Milan war der Sohn der Familie, deren Mutter mit Miras Vater befreundet war, schon ein Teenager, während Mira noch ein Kind war. Milan war freundlich, aber distanziert, und Milans Vater Darius schon damals immer unterwegs, seinerseits Diplomat, was ihm in Miras Augen etwas Geheimnisvolles verlieh. Eine prägende Begegnung.

Wenn die Zeit auch kurz war, so richtig hat Mira auch Milan nicht vergessen und gerät sofort in seinen Bann, als sie ihn, inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes, wieder sieht. Sie beginnen einen Affäre, und eigentlich scheint von vornherein klar, dass es eben genau dies ist, dass Milans Ehe zwar unglücklich sein mag, Mira aber nicht diejenige sein wird, für die er sich trennen wird.

„… und es sind die Geheimnisse, die uns zusammenbleiben lassen, […] aber plötzlich erinnert man sich, dass auch der andere jemanden schon einmal so angesehen haben wird, wieder ansehen wird, dass es sich wiederholen lässt, kurz versuchen wir noch, uns selbst zu belügen, genauso wird der Blick nicht gewesen sein, ähnlich, trotzdem anders, aber die Tür geht auf, sie war gar nicht da, wir stehen wieder mitten in der Welt, gleichgültig unter Gleichgültigen.“ S. 198

Nora Bossong hat mit „Schutzzone“ einen komplexen Roman geschrieben, der seine Leser und Leserinnen durchaus fordert. Mühelos verschränkt die Autorin die Passagen um Miras Arbeit bei den Vereinten Nationen, ihre Zweifel daran, etwas bewirken zu können, eine Art aufkommende Desillusionierung mit ihrer privaten Liebesgeschichte. Sie gerät auch in einen beruflichen Konflikt, muss sich positionieren, überdenkt ihre Arbeit ganz grundsätzlich. Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen, springt vor und zurück, so dass sich die Geschichte nach und nach aus ihren verschiedenen Teilen zwar zusammensetzt, sich uns aber niemals geheimnis- und lückenlos präsentiert.

Bossongs Sprache ist ebenso virtuos und filigran, ihre Sätze sind lang und verschachtelt, voller kleiner und großer Wahrheiten, nachvollziehbarer Gedanken bzw. solchen, die zum Nachdenken intensiv anregen. Es gibt Sätze, die mit Wucht treffen. „Schutzzone“ ist sehr stimmungsvoll, einerseits melancholisch, wie der Roman seiner Protagonistin in ihrer Einsamkeit, die sie selbst nicht recht zu bemerken scheint, um die Welt folgt und in ihre Gedanken, andererseits aber auch nüchtern und ohne jede Sentimentalität. Mira braucht einen klaren Kopf für ihren Job, und sie braucht Milan – oder glaubt, ihn zu brauchen. Sie mag im Inneren eine Romantikerin sein, um aber eine Träumerin zu sein, hat sie zu viel gesehen und erlebt.

„Schutzzone“ ist ein beeindruckender Roman voller literarischer Wucht, klug und sprachlich auf höchstem Niveau. Nora Bossong steht mit ihm auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und gehört meiner Meinung nach unbedingt auf die Shortlist.

„… ich fuhr hinauf in den zweiten Stock und legte mich in den Sessel, sah durchs Fenster, über das Meer hinweg, von dem ich nichts hörte, nur das Ausbleiben jeglicher Störung, die komfortable, tote Sicherheit der Ersten Welt.“ S. 243f

Nora Bossong: Schutzzone, Suhrkamp Verlag, 2019, 332 Seiten

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2 Antworten zu Große Weltbühne und privates Glück  – Nora Bossong: Schutzzone

  1. marinabuettner schreibt:

    Ja. Das denke ich auch. Unbedingt Shortlist!

    Gefällt 1 Person

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