Abgehängt – Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Nicolas Mathieu schreibt in seinem Roman „Wie später ihre Kinder“ von einer Handvoll Jugendlicher in den 90er Jahren in Frankreich, über ihr Leben, ihr Streben, ihre Orientierungslosigkeit und den Wunsch, es anders zu machen, als ihre Eltern. Anders, als es ihnen vorbestimmt zu sein scheint. Es sind die Sommer, die er in den Blick nimmt, Auszeiten also, die Hitze scheint alles zu verlangsamen, die freie Zeit endlos. Es sind die Sommer der Jahre 1992, 94, 96 und 98, in die Mathieu jeweils zurückkehrt zu Anthony, Hacine und Steph, zu ihren Freunden und Eltern und uns lesen lässt, welche Bahnen ihr Leben inzwischen eingeschlagen hat.

Anthony ist in Steph verliebt, die ihn aber nicht für voll nimmt und ihrerseits Simon anhimmelt, die nicht von ihm loskommt, obwohl er sie schlecht behandelt. Anthonys Eltern trennen sich, sein Vater ist gewalttätig und Alkoholiker. Steph kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, man erwartet von ihr, dass sie es zu etwas bringen und dafür hart arbeiten wird. Auf Anthony blickt sie herab, obwohl sie auch Sympathien für ihn hegt. Und Hacine fühlt sich schon allein aufgrund seiner Herkunft als Außenseiter. Seine Eltern stammen aus Marokko, sein Vater scheint, obwohl schon lange in Frankreich, noch immer nicht angekommen zu sein in der neuen Heimat. Hacine droht, auf die schiefe Bahn zu geraten, er trifft immer wieder auf Anthony und es scheint, als seien die Rollen klar verteilt, als könne jedes Mal die Situation eskalieren. Aber so einfach ist es in Nicolas Mathieus’ Roman dann doch nicht.

„Wie später ihre Kinder“ erntet in den Feuilletons viel Lob, der Roman gewann den Prix Goncourt 2018. Er sei eine gelungene Gesellschaftsstudie der Abgehängten im ländlichen Frankreich der 90er Jahre, erkläre womöglich auch heutige rechtspopulistische Verhältnisse. Das ist sicherlich richtig, dennoch habe ich sehr lange gebraucht, um in die Geschichte dieser Jugendlichen hineinzufinden. Das lag vor allem daran, dass Mathieu sich vor allem zu Beginn lange mit dem Erzählen von Alkoholexzessen und dem Anschmachten des anderen Geschlechts aufhält, ohne dass die Erzählung vorankäme. Der Roman benötigt meiner Meinung nach eine ganze Weile, bis er Fahrt aufnimmt, bis das ganze Bild, das vor allem die Eltern und somit die Herkunft der Jugendlichen mit hinein nimmt, sichtbar wird.

Die Entscheidung des Autors, seinen Roman episodenhaft zu erzählen, das heißt, sowohl immer nur eine begrenzte Zeit im Jahr in den Mittelpunkt zu stellen, aber auch seine Figuren immer wieder „fallenzulassen“ und später zu ihnen zurückzukehren, geht auf, auch wenn er sie nie nah an den Leser heran lässt. Sie sind auch allesamt keine großen Sympathieträger, handeln impulsiv, egoistisch und oft alles andere als klug. Das Bild, das der Autor entwirft, ist aber stimmig, und das Unbehagen, das er im Leser auslöst, richtig und sicher auch gewollt. Mathieus Roman ist unbequem und entlarvend, er beschönigt nichts.

Auf den ersten Blick ist „Wie später ihre Kinder“ kein Roman, der zu meinen Lesevorlieben passt. Womöglich ist das einer der Gründe dafür, dass Mathieus’ Roman mich nicht wirklich „abgeholt“ hat, dass ich vor allem anfangs nur mäßig mitgefiebert habe, obwohl ich objektiv betrachtet wenig an ihm auszusetzen habe und die Geschichte im Laufe der Zeit zulegt und dann auch einen gewissen Sog entwickelt. Ob seine Sprache nun tatsächlich so authentisch ist, wie zu lesen ist? Mir erscheint sie manches Mal doch etwas gewollt und aufgesetzt. Dennoch alles in allem eine lesenswerte Studie der kleinen Leute im ländlichen Frankreich der 90er Jahre, die auch die Ursachen und die Auswirkungen des jeweiligen Ist-Zustands ins Visiert nimmt.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder, aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen, Hanser Berlin Verlag, 2019, 448 Seiten

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2 Antworten zu Abgehängt – Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich mag solche Romane über Lebenswege einer Handvoll Menschen. Vor einiger Zeit las ich da auch einen Franzosen: Francois Roux mit seinem Roman „Die Summe unseren Glücks“. Ich werde mir nach Deiner Besprechung diesen Titel vormerken – trotz Deiner auch kritischen Bemerkungen. Viele Grüße https://zeichenundzeiten.com/2016/05/05/lebenslauf-francois-roux-die-summe-unseres-gluecks/

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