Das Leben rückwärts verstehen – Carl Frode Tiller: Der Beginn

Am Anfang steht das Ende. Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus und wird sterben. Ist er nun bei Bewusstsein, befindet er sich in einem Zwischenstadium? Denn er kann mit Mutter und Schwester, die zu ihm ans Krankenbett gekommen sind, nicht sprechen. Ihm ist bewusst, dass es kein Zurück gibt, dass man ihn nicht wird retten können, und so reist er gedanklich in die Vergangenheit, um nachzuspüren, wie es so weit kommen konnte, frei nach Søren Kierkegaard, in dessen berühmtem Zitat es ja heißt, verstehen könne man das Leben nur rückwärts, während es vorwärts gelebt werden müsse.

So geht es nun rückwärts in Carl Frode Tillers neuem Roman, auf den „Beginn“ zu, und immer steht die Frage im Raum, ob wir, einmal dort angekommen, dann wirklich verstehen werden, wieso Terje beschlossen hat, nicht mehr weiterleben zu wollen. Die Konstruktion erinnert stark an Inger Maria Mahlkes 2018 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Archipel“, mit dem Unterschied, dass es dort ein gesamtes Jahrhundert war, das auf diese Weise erzählt wurde, über mehrere Generationen hinweg, während bei Tiller ein einziges Leben im Mittelpunkt steht.

Wir lesen also aus Terjes Leben, die Kapitel jeweils überschrieben mit der Angabe des Zeitraums, den wir in die Vergangenheit springen. Die Schritte sind sehr unterschiedlich groß, manchmal geht es nur ein paar Tage zurück, oft Wochen und Monate, manchmal auch einige Jahre. Tiller macht das geschickt: Immer wieder war ich beim Lesen irritiert, habe mich gewundert über Terjes barsches Auftreten, seine Selbstgerechtigkeit, sein Verhalten gegenüber Menschen, die ihm doch wichtig sind, doch nach und nach habe ich ihn verstanden. Manchmal ist es eine Situation, die direkt nachgeliefert wird und zum Verständnis beiträgt, doch mit Fortschreiten der Lektüre ist es mehr und mehr ein großes Ganzes, das immer deutlicher wird.

Zu Beginn des Romans hat Terje eine Frau, von der er getrennt lebt, eine jugendliche Tochter, eine alkoholkranke Mutter und eine Schwester, mit der er in einer Art Hassliebe verbunden ist. Das Verhältnis zu ihnen allen ist kompliziert. Terje selbst ist ein schwieriger Charakter, fährt schnell aus der Haut, wirkt arrogant und hält sich oft für klüger als sein Umfeld, wobei es sicher stimmt, dass er seine Mitmenschen schnell durchschaut. Es gibt aber auch den selbstkritischen Terje, denjenigen, der in Situationen, in denen er ungerecht oder gar eklig zu seinen Liebsten ist, genau um sein falsches Verhalten weiß. Es sind Situationen, in denen er Worte noch im Moment des Aussprechens bereut, aber nicht aus seiner Haut kann. Carl Frode Tiller gelingt es, diesen zerrissenen Charakter in seiner Ambivalenz zum Leben zu erwecken, einen Protagonisten, den man oft nicht ausstehen kann, den man aber nach der Lektüre glaubt, zu verstehen, und dem man sehr nah gekommen ist.

Natürlich stellt sich dabei die Frage, ob sich der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, anhand der rückwärts gelebten Lebensgeschichte wirklich befriedigend erklären lassen kann und vor allem, ob es eine Frage der Schuld ist, die hier beantwortet werden soll. Terje hat früh einschneidende Verluste erlitten, die ihn sein Leben lang prägten, aber ist es wirklich so einfach? Tiller lässt seine Leser das Geschehen selbst einordnen, und das ist gut so.

Ich habe immer wieder gehadert mit der chronologisch umgekehrten Weise des Erzählens. Es liegt auf der Hand, dass sie Vor- und Nachteile hat. Einerseits ist es spannend, erst von einem Ereignis zu lesen und danach von dem, was unmittelbar auf dieses Ereignis hingeführt hat. Andererseits bricht die Erzählung immer wieder ab, wo man sie gerade ganz einfach nicht verlassen möchte. Auch lässt Tiller bewusst immer wieder größere Zeitabschnitte unter den Tisch fallen, so dass Leerstellen bleiben. Es wäre interessant, „Der Beginn“ nach Beenden der Lektüre noch einmal in umgekehrter Reihenfolge zu lesen, also chronologisch vom Damals ins Heute. Ob Tiller seinen Roman auf diese Weise geschrieben und später die Kapitel umgekehrt angeordnet hat? „Der Beginn“ erscheint bei uns im Vorfeld zur Frankfurter Buchmesse, wo Norwegen in diesem Jahr Gastland ist. Carl Frode Tiller wird dort sein, um diese oder ähnliche Fragen zu beantworten. Sein Roman gibt tiefe und schonungslose Einblicke in ein Leben, das mit der Zeit aus den Fugen gerät und hallt auch einige Zeit nach Beenden der Lektüre noch nach.

Carl Frode Tiller: Der Beginn, aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Nora Pröfrock, btb Verlag, 2019, 352 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Das Leben rückwärts verstehen – Carl Frode Tiller: Der Beginn

  1. fraggle schreibt:

    Ich habe das Rezensionsexemplar seit einiger Zeit bei mir liegen, aber einerseits war mir der Protagonist schon auf den ersten Seiten extrem unsympathisch – was für sich allein gesehen erst mal kein Grund ist, nicht weiterzulesen -, zum zweiten aber habe ich bei diesem Buch eine diffuse Art von „Berührungsangst“, die aus meiner Vermutung herrührt, dass ich das Buch lieber in besserer Stimmung lesen sollte …

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ich hatte auch etwas Probleme, reinzukommen und auch zwischendurch, aber ich fand, dass sich das alles mit der Zeit relativiert hat. Aber es gibt bestimmt den falschen und den richtigen Zeitpunkt für eine Lektüre, vielleicht ist es grad wirklich einfach nicht das Richtige.

      Gefällt 1 Person

  2. marinabuettner schreibt:

    Da kann ich mich beinahe anschließen. Ich war sehr gespannt und bin auf den ersten Seiten gleich steckengeblieben, weil mir dieses Familiengefüge furchtbar zusetzte. Ich denke, ich werde diesen Norweger mal auslassen …
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

  3. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    vor vielen, vielen Jahren (etwa dreißig) habe ich mal einen Artikel darüber gelesen, warum bestimmte Sachen bei Nahtodeserfahrungen immer wieder berichtet werden, wie zum Beispiel der berühmte Tunnel, den man vor sich sieht, oder eben das Gefühl, das Leben im Zeitraffer und/oder rückwärts zu erleben. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte beides schlicht und einfach damit zu tun, wie und in welcher Reihenfolge sich die Synapsen im Gehirn eines Sterbenden nach und nach ‚ausschalten‘. Daran muss ich seitdem immer denken, wenn in einem Film oder Buch so etwas vorkommt…

    Jedenfalls finde ich es, wenn es gut gemacht ist, immer sehr interessant, und hier klingt es so! Es wäre sicher wirklich spannend, die Geschichte nochmal in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Wobei der Fall hier meiner Meinung nach etwas anders liegt, ich habe das nicht als „Nahtoderfahrung“ gelesen, mehr als einen Rückblick und ein Verstehen wollen dadurch. Mir hat es, auch mit etwas Abstand, gut gefallen. Viele Grüße!

      Liken

Kommentare sind geschlossen.