Außenseiter – Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

Meine erste Begegnung mit einem Roman des Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer hatte ich 2015, als sein Roman „Postskriptum“ veröffentlicht wurde. Eine Geschichte rund um Emigration zur Zeit des Nationalsozialismus und die Folgen, die solch ein erzwungenes Verlassen der Heimat für einen Künstler haben kann.

Die Stärke Sulzers, ebenso leise wie eindringlich ein sehr persönliches Schicksal zu erzählen, zeigt sich auch in seinem neuen Roman „Unhaltbare Zustände“, gerade bei Galiani Berlin erschienen. Wir befinden uns im Jahr 1968, einem Jahr des Aufbruchs und die Zeit der Studentenproteste, eine Zeit, in der alte Regeln nicht mehr zu gelten scheinen, in der vor allem die jungen Leute nicht mehr wissen, was sich gehört. So zumindest empfindet es Stettler, Hauptfigur in Sulzers neuem Roman.

Stettler ist Schaufensterdekorateur und das schon seit einigen Jahrzehnten. Er arbeitet für das prestigeträchtige Kaufhaus „Quatre saisons“ und seine Arbeit ist ihm kompletter Lebensinhalt. Nachdem seine Mutter, zu der er ein sehr enges Verhältnis hatte, gestorben ist, lebt er allein, verheiratet war er nie, vermisst allem Anschein nach nichts. Sein Tagesablauf ist strikt geregelt, er legt Wert darauf, dass die Dinge bleiben, wie sie sind.

Als ihm eines Tages ein junger Kollege zur Seite gestellt wird, ist dies nicht nur eine einschneidende Veränderung für Stettler, er empfindet diese auch als Affront. Bleicher, der junge Mann, ist so ganz anders als er, schert sich nicht um das, was Stettler all die Jahre getan hat, bringt frischen Wind und neue Ideen in das Kaufhaus, was Stettler argwöhnisch aus der Distanz beobachtet. Er fühlt sich bedroht, glaubt, dass man ihn loswerden will, fürchtet, zum alten Eisen zu gehören. Einzig der Briefkontakt zur Radiopianistin Lotte Zerbst, der entsteht, nachdem er ihr einen Leserbrief geschrieben hat, gibt ihm die leise Hoffnung darauf, dass das Leben doch noch etwas für ihn bereithalten könnte, dass er sie kennenlernen, dass daraus etwas entstehen könnte, wenn er auf der anderen Seite diesen Gedanken auch völlig absurd findet.

„Unhaltbare Zustände“ erzählt von einem, der nicht mitkommt mit den Veränderungen der Zeit, der nicht akzeptieren kann, dass sich die Dinge ändern. Der auch mit dem Vergehen der eigenen Zeit seine Probleme haben dürfte, ein Umstand, der nicht ausbuchstabiert wird, aber mitschwingt – und dieses Gefühl ist wohl ein allzu menschliches. Stettler aber sucht nicht oder nur verhalten den Kontakt zu anderen, vielmehr flieht er sich noch mehr in eine Einsamkeit, die die Sache nur schlimmer und schlimmer macht und schließlich besorgniserregende Folgen haben wird.

Alain Claude Sulzer erzählt seine Geschichte sehr nah an seinem Protagonisten und mit Respekt für seine Figur, so dass man diesen Stettler und seine Gedanken aber auch seine Aktionen zumindest eine Zeit lang als Leser nachempfinden und verstehen kann. „Seht her!“, scheint der Roman zu sagen, „es könnte Euch eines Tages ganz ähnlich gehen.“ Die Spirale, in der Stettler sich befindet, zeichnet Sulzer auf der einen Seite gnadenlos, auf der anderen mit einer Leichtigkeit und Behutsamkeit nach, dass es beim Lesen schwerfällt, Stettler zu verurteilen.

Sulzers Sprache, der Ton, in dem der ganze Ton gehalten ist, ist von einer enormen Unaufdringlichkeit, unspektakulär, so sehr, dass ich zuweilen das Gefühl hatte, es könnte nun doch langweilig werden. Wurde es aber nicht. Sulzer nimmt uns mit in eine Zeit des Ausbruchs zu einem einsamen, einem isolierten Menschen, und zeichnet behutsam nach, was diese neue Zeit mit ihm macht. Auch die Pianistin Lotte Zerbst kommt dabei nicht zu kurz, sie ebenso allein wie Stettler, doch geht sie anders mit ihrem Alleinsein um. „Unhaltbare Zustände“ ist ein ruhiges, leises Buch, um einen, der nicht in der Lage ist, den Aufbruch, der um ihn herum geschieht, zu verstehen und mitzugehen.

Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände, Galiani Verlag, 272 Seiten

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9 Antworten zu Außenseiter – Alain Claude Sulzer – Unhaltbare Zustände

  1. Leseseiten schreibt:

    Sulzer ist ein großer Sprachstilist, der tatsächlich mit sehr leisen Tönen trotzdem eine Atmosphäre schafft, die einen für die erzählte Geschichte einnimmt. Ich habe zwei Romane von ihm gelesen (auf meinem Blog auch besprochen), die mir außerordentlich gut gefallen haben. Dann werde ich mir sein neues Buch mal besorgen, nach Deiner Beschreibung klingt das wieder richtig gut!

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    • letteratura schreibt:

      Ja, die leisen Töne gefallen mir auch sehr, wobei ich seinen Roman „Postskriptum“ noch intensiver in Erinnerung habe, aber vielleicht lag das auch am Thema. Viele Grüße!

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  2. marinabuettner schreibt:

    Ich lese Sulzer schon seit Jahren. Er ist so ein steter Stiller. „Aus den Fugen“ und „Zur falschen Zeit“: Ganz groß! Und mir gefällt auch der neue Roman wieder auf seine Art. Den Schluß finde ich extrem. Extrem gut. Meine Besprechung kommt kommenden Dienstag.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Mir scheint, wir lesen gerade sehr ähnlich :) Ja, ich finde auch, dass seine Romane durch die leisen Töne umso eindringlicher wirken. Viele Grüße!

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  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ich mag leise Töne. Postscriptum habe ich neulich aus einer Ramschkiste in einer Bahnhofsbuchhandlung „gefischt“ (sorry), lange stand es auf meiner Wunschliste. Nun wandert der neue Sulzer dorthin. Viele Grüße

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  4. Bri schreibt:

    Postskriptum steht hier auch noch … ungelesen, aber jetzt rutscht es mal flux nach oben. Danke. @Constanze – da gehts Dir wie mir – lesen wir gemeinsam ;)))

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    • letteratura schreibt:

      Es ist ein Elend mit den ganzen Büchern, die man lesen will… aber Postskriptum wird sich lohnen! Viele Grüße!

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      • Bri schreibt:

        *gg* Dass Du das wort Elend in den Mund nimmst ;))) hätte ich mir auch nicht gedacht. Aber ja, so ist es, zu viele gute Bücher, zu wenig Zeit …

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