Die kalten Mieter – Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

Die Idee, sich nach seinem Tod einfrieren zu lassen in der Hoffnung darauf, dass es der Wissenschaft irgendwann, in einer nahen oder doch fernen Zukunft, gelingen wird, konservierte Körper zum Leben zu erwecken, ist erst einmal ziemlich abgefahren. Persönlich finde ich den Gedanken eher abstrus und glaube weder daran, dass dies jemals möglich sein wird, noch denke ich, dass es erstrebenswert ist. Als Idee für einen Roman gibt das Thema aber Stoff für eine außergewöhnliche Geschichte, wie ich sie so noch nie gelesen habe.

„Kachelbads Erbe“ ist dabei, so viel vorweg, vieles erst einmal nicht, das man erwarten könnte: Weder eine Dystopie, noch Science Fiction, auch kein abgedrehter Horror – wobei, abgedreht ist das schon, was Hendrik Otremba hier in seinem zweiten Roman geschaffen hat. „Kachelbads Erbe“ ist wahnwitzig und eigen, weder leicht zu fassen, noch zu beschreiben. Es ist ein grandioser Roman und ganz sicher eines meiner Highlights in diesem Lesejahr.

H.G. Kachelbad ist derjenige, der alles zusammenhält in dieser Geschichte, was deshalb bemerkenswert ist, da er ein geheimnisvoller Charakter bleibt, einerseits greifbar und präsent, andererseits diffus, verschwommen. Vieles aus seinem Leben bleibt im Dunkeln, doch er ist derjenige, der bei der Firma Exit U.S. zusammen mit dem Koreaner Lee Won-Hong für die Suspension, das heißt für das Einfrieren der Gestorbenen zuständig ist. Diese nennt er die „kalten Mieter“, wenn sie erst einmal kopfüber in flüssigem Stickstoff in einem der großen Tanks hängen, konserviert in der Hoffnung, irgendwann wieder lebendig zu sein. Für die Kunden ein teures Unterfangen, das zuvor vertraglich genau festgehalten wird, und je nachdem, wie derjenige zu Tode kommt, muss außerdem noch ein Arzt großzügig oder weniger spendabel geschmiert werden, damit er schnell einen Totenschein unterschreibt, bevor die Präparation der Leiche beginnen kann. Die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Dabei wird der Körper schnell heruntergekühlt und das Blut durch eine Art Frostschutzmittel ersetzt, bevor Kachelbad und sein Kollege ihn rasieren und in den Tank verfrachten. Was sich ein bisschen makaber anhört, gibt es seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wirklich: Zwischen 300 und 500 Menschen lagern in ähnlichen Tanks in den USA, in China und Russland.

Otremba geht es in seinem Roman aber eher am Rande um den Akt des Einfrierens an sich, wobei er detailliert schildert, wie das Ganze vonstatten geht und welche Probleme dabei zu bewältigen sind. Vor allem fragt er danach, was das für Menschen sind, die sich zu solch einem Schritt entschließen. Im Großen und Ganzen sind es sechs kalte Mieter, deren Schicksale näher beleuchtet werden und die Bandbreite ist dabei enorm: von einem vietnamesischen Auftragskiller über eine Wissenschaftlerin, die beim Reaktorunfall in Tschernobyl mit der Strahlenkrankheit infiziert wird bis zur AIDS-Epidemie in den USA in den 80er Jahren wird der Bogen gespannt. Menschen, die das Gefühl haben, zu früh aus dem Leben gerissen zu werden, Menschen, die ihre große Liebe noch nicht verlassen wollen, oder auch Lebensmüde, die glauben, später einmal, in einer besseren Welt gebe es vielleicht keinen Grund mehr für ihre Verzweiflung.

Man könnte unheimlich viel mehr schreiben über diese Figuren, die alle so detailliert ausgearbeitet sind, dass jede einzelne von ihnen sofort lebendig wird beim Lesen, dass man sie nicht verlassen möchte, wenn ihre Geschichte erzählt ist (wobei man nicht sicher sein kann, dass sie das wirklich ist). Otrembas Charakterisierungen sind unheimlich facettenreich, auch durch den unterschiedlichen Ton und die Form, in der er von seinen Figuren erzählt.

Hinzu kommt das Moment des Magischen Realismus, das sich so organisch wie nur möglich einfügt in diese Geschichte und vor allem die intensiven Stimmungen, in denen der Roman zu versetzen vermag. „Kachelbads Erbe“ hat mich bis in meine Träume verfolgt, es war mir nicht möglich, die Geschichte gänzlich zu verlassen, wenn ich gerade nicht darin gelesen habe. Auch jetzt noch, einige Tage nach Beenden, hallt sie noch nach. Die Atmosphäre im Roman ist mysteriös, ein bisschen depressiv, lakonisch, und vor allem entwickelt er einen ungeheuerlichen Sog, zieht einen mitten hinein in diesen Kosmos, den man auf der anderen Seite nie wirklich zu fassen bekommt.

Meine Meinung gegenüber der Möglichkeit, sich einfrieren zu lassen, hat sich nicht geändert – auch der Autor steht dem übrigens skeptisch gegenüber, wie auf der stimmungsvollen Buchpremiere vor ein paar Tagen zu hören war, doch es bleibt das Gefühl, etwas ganz Besonderes, schwer zu fassendes gelesen zu haben. Etwas, das mich im besten Sinne verwirrt und gefordert hat, wobei „Kachelbads Erbe“ alles andere als abgehobene und verkopfte Lektüre ist. Hendrik Otremba ist übrigens so etwas wie ein künstlerischer Allrounder: Neben der Schriftstellerei singt er noch in einer Band und betätigt sich als Maler. Einer, von dem ganz sicher noch zu hören sein wird.

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe, Hoffmann und Campe Verlag, 2019, 432 Seiten

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6 Antworten zu Die kalten Mieter – Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

  1. thursdaynext schreibt:

    Tatsächlich habe ich bereits einige (gute) Romane bezüglich des Einfrierens gelesen, natürlich SciFis und finde die Thematik sowohl faszinierend wie auch befremdlich und nicht zuletzt problematisch. Deine Besprechung ist wie fast immer äußerst verlockend, mal schauen ob Herr Kachelbad und ich Zeit füreinander finden. Danke dir!

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