Lesen oder Lieben? – Jan Kjærstad: Das Norman-Areal

John Richard Norman unterscheidet sich schon als Kind von den anderen: Während sie rausgehen wollen, miteinander etwas erleben, spielen, wünscht er sich nur, daheim zu bleiben und zu lesen. Bücher haben auf ihn eine fast magische Wirkung – oder ist es das Gegenteil davon? Denn sie katapultieren ihn in eine andere Wirklichkeit, die für ihn aber nicht weniger wirklich ist.

Inzwischen arbeitet er als Lektor für einen großen Verlag und das sehr erfolgreich. Seit kurzem aber wird ihm schlecht, sobald er sich in ein Manuskript vertieft. So lässt er sich vom Verlag beurlauben und zieht auf eine ruhige Insel. Auch hier passiert das Gleiche: Sobald er lesen will, muss er sich übergeben. Dann lernt er Ingrid kennen, eine erfolgreiche und wohlhabende Frau, wie er nicht mehr jung, aber eine Erscheinung, selbstbewusst, sie weiß, was sie will. Sie verlieben sich heftig ineinander und sind für eine Weile unzertrennlich. John vermisst seine Bücher nicht, die Liebe ist ihm genug. Irgendwann aber wendet sich das Blatt und John findet zurück zur Literatur, kommt zu spät zu Verabredungen, weil er lieber lesen möchte. Ingrid kann das nicht nachvollziehen. In John reift der Entschluss, sich zu trennen.

„Das Norman-Areal“, so bezeichnet Dr. Lumholtz, ein Arzt, der John einst nach einem Unfall behandelt hat, und den er später noch einmal wieder sehen wird, einen Bereich, den er in Johns Gehirn gefunden zu haben glaubt, und dessen Existenz ihn damals vor schwereren Verletzungen bzw. dem Tod bewahrt habe, so Lumholtz’ Theorie. In diesem Bereich habe sich John sozusagen befunden, in einer Art Buchwirklichkeit, und diese habe ihn gerettet. Der Roman selbst, der, den wir lesen, ist eine Art Bericht Johns, die letztendlich dieses Norman-Areal erklären und erläutern soll.

Ganz leicht macht Kjærstadt es seinen Lesern nicht: Er springt hin und her, vor und zurück, bleibt hier hängen und schweift dort aus, manchmal hat mich sein Roman verwirrt. Und dennoch fasziniert, durch diese so einzigartige Hauptfigur, nicht immer sympathisch, ein bisschen eigenbrötlerisch, ein bisschen zu sehr von sich eingenommen und auch im Umgang mit Ingrid zeigt er sich nicht von seiner einfühlsamsten Seite – auch wenn er beteuert, genau dies zu versuchen.

Vor allem aber ist „Das Norman-Areal“ ein Roman über einen Leser und das Lesen und Fragen, die damit zusammenhängen. Vielleser werden den Gedanken, sich mit guten Büchern zurückzuziehen von der Welt, sympathisch finden, doch kann Lesen wirklich Leben ersetzen? Oder Lieben? Sollte man wirklich Lesen dem Lieben vorziehen? Einerseits spielerisch, andererseits philosophisch nähert der Autor diesen und anderen Fragen. Manchmal war mir der Roman etwas zu ausufernd, ab und zu habe ich mich ein bisschen verloren gefühlt in der Welt des John Richard Norman, alles in allem habe ich aber einen faszinierenden Roman eines sehr interessanten Autors gelesen, der in Norwegen eine große Popularität genießt. Passend zum Gastland Norwegen erscheint in diesen Tagen ein neuer Roman im österreichischen Septime Verlag in deutscher Übersetzung.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und Zeichen und Zeiten.

Jan Kjærstad: Das Norman-Areal, aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel, Septime Verlag, 2017

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17 Antworten zu Lesen oder Lieben? – Jan Kjærstad: Das Norman-Areal

  1. marinabuettner schreibt:

    Ach, ich liebe es noch immer … Läge nicht so viel anderes hier, würde ich es gleich ein zweites Mal lesen.

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  2. thursdaynext schreibt:

    Bei mir ist es lesen oder putzen … da fällt die Entscheidung leicht, so reicht es alle halbe Jahre die Fenster zu putzen, außer ich kann es wirklich nimmer sehen. Prioritäten müssen gesetzt werden😌

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  3. thursdaynext schreibt:

    Klingt übrigens sehr interessant 😊

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  4. Constanze Matthes schreibt:

    Schön, dass Du das Buch ebenfalls vorstellst und Danke für die Verlinkung, die ich gleich noch nachholen werde. Was mir noch wunderbar in Erinnerung ist, wie der Protagonist über seine Lektüre Buch führt, sich über die gelesenen Bücher Notizen macht. Eine schöne Idee für das eigene Lesen, wie ich finde. Viele Grüße

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  5. Pingback: Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“ – Zeichen & Zeiten

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