Verjährung und Gerechtigkeit – Karin Kalisa: Radio Activity

„Am Ende war er es, der mich verseucht hat.“ S. 154

Es ist nur dieser eine kurze Satz, der Nora aufhorchen lässt, ein Satz, der etwas ins Rollen bringt und der nicht mehr zurückgenommen werden kann. Nora hat die letzten Jahre als Tänzerin in den USA verbracht, aber dort alles stehen und liegen lassen, als sie von der Diagnose ihrer Mutter hörte. Krebs, unheilbar. Also kehrt sie zurück ans Krankenbett ihrer noch nicht alten Mutter und verbringt mit ihr deren letzte Zeit. Und sie erfährt, was der Mutter passiert ist, als sie ein Kind war, schlecht in Latein und Nachhilfe beim Apotheker der Stadt bekommen sollte. Nora begreift, warum sie als Kind bestimmte Dinge nicht durfte, warum die Mutter sie nur bei Freundinnen übernachten ließ, deren Mütter alleinerziehend waren, warum sie sie so immer eindringlich auffordert, immer gut auf ihre Kinder aufzupassen, sollte sie einmal welche haben. Und dann erzählt sie Nora, was ihr passiert ist, was der Mann, der ihr eigentlich mit Latein helfen sollte, mir ihr wirklich gemacht hat und was die Geschehnisse in ihr angerichtet haben. Sie wirken nach, bis jetzt.

Die Mutter stirbt, aber Nora ist wie in einem Tunnel. Zur schier bodenlosen Trauer kommen Wut und Ohnmacht über das, was der Apotheker der Mutter angetan hat. Sie findet heraus, dass der Mann noch lebt, hochbetagt, ohne je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Das will Nora nicht hinnehmen.

Karin Kalisa erzählt in ihrem neuen Roman „Radio Activity“ von Nora und ihrem Versuch, Gerechtigkeit zu erlangen – wie auch immer diese aussehen kann. Sie gründet einen Radiosender mit zwei alten Freunden, einer, der anders ist als die anderen, mit gemischtem Programm und Musik aus allen Stilrichtungen. Sie sind schnell sehr erfolgreich, auch, weil Nora, unter dem Pseudonym Holly Gomighty, eine sehr angenehme Stimme, eine geborene Radiostimme hat. Sie kann das, Interviews führen und die Hörer bei der Stange halten, doch sie hat einen Plan, sie hat nur eines im Kopf: den Peiniger ihrer Mutter zur Strecke bringen. Denn seine Taten sind verjährt, sie kann ihn nicht mehr anklagen.

Karin Kalisa schafft es, in ihrem interessant aufgebauten Roman, bei dem man lange nicht weiß, welche Schwerpunkte wo gesetzt werden und die dabei letztlich einfach mehrere Geschichten gleichzeitig und sehr überzeugend neben- bzw. miteinander erzählt, immer wieder zu fragen nach sowohl juristischen sowie moralisch-ethischen Begriffen. Wie kann es sein, dass sexueller Missbrauch irgendwann verjährt, gerade angesichts der Tatsache, dass Opfer oft viele Jahre brauchen, um sich zu einer Anzeige durchzuringen? Ist es überhaupt möglich, für Taten, die das Leben der Opfer für immer verändern und erschweren, die sie traumatisieren und mit denen sie im Zweifel immer zu kämpfen haben, eine gerechte Strafe zu finden? Und wenn, wie kann diese aussehen? Eine Stärke von „Radio Activity“ ist es, diese Fragen immer wieder, mal offen und mal zwischen den Zeilen zu stellen, aber, denn das wäre deutlich weniger überzeugend, keine Antworten auf sie zu geben.

Eine weitere Stärke des Romans ist es, wie die Autorin die Trauer und Verlorenheit ihrer Protagonistin schildert, eine Sprache findet für ihre starken Gefühle, denen eigentlich Worte nicht gerecht werden können. Ihre Sätze teils verschachtelt und voller Bilder, dann wieder einfach und geradeheraus. So hat der Roman neben aller Schwere auch leichte Passagen, so dass er seine Leser nicht ins Bodenlose reißt.

Überzeugend und interessant auch zu lesen sind die Schritte, die getan werden müssen, um den Radiosender ins Leben zu rufen, gut gelungen sind der Autorin sämtliche Protagonisten, von Nora und ihrer Mutter, deren beider Versehrtheit und Verlorenheit sie gekonnt vermittelt, bis zu Noras Freunden beim Radio sowie dem Rechtsreferendar Simon, der eher zufällig ein Teil von Noras Geschichte wird, auch er mit einem Handicap behaftet.

So ist Kalisa ein rundum überzeugender Roman geglückt, eine gelungene Mischung aus ernsten, melancholischen und durchaus lebensbejahenden Tönen, in einer interessanten Sprache und dabei auch noch in bestem Sinne höchst unterhaltsam, ohne jemals an Tiefe zu verlieren. Eine Geschichte, die man zum Anlass nehmen könnte, über bestehende Regeln und Gesetze, denen eine manchmal zynisch anmutende Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit anhaftet, nachzudenken und den dramatischen und vor allem menschlichen Geschichten dahinter mehr Raum zu geben. Auf diese Geschichten und das dahinter stehende Leid macht Kalisa auf eindringliche, berührende, doch nie rührselige Weise aufmerksam.

Karin Kalisa: Radio Activity, C.H.Beck Verlag, 2019, 351 Seiten

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