Briefe an die Familie – Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Boris ist nicht gerade in einer guten Phase seines Lebens. Die Ehe gescheitert, die Söhne sind auf Distanz zu ihm gegangen und zu seinen Eltern und Geschwistern hat er seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr. Er selbst war es, der nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Nun macht er eine Therapie und bekommt von seinem Therapeuten den Rat bzw. Auftrag, einen Brief an die Eltern zu schreiben. Es muss ein richtiger Brief sein, handgeschrieben und mit Marke, keine Email, SMS oder dergleichen. Boris ist skeptisch, hegt er doch einen gut gepflegten Groll gegen seine Familie. Dennoch schreibt er ihnen. Sein Brief löst daraufhin eine Art Kettenreaktion aus. Plötzlich fangen alle an, einander zu schreiben, die Eltern, die Geschwister, die Tante, die Briefe kreuzen die Familie in alle Richtungen. Boris’ Schwester schreibt seinem Therapeut und auch die junge Generation, eigentlich vollends vertraut mit Internet und Co, entdeckt die analoge Briefpost für sich.

Gérard Salem (1946-2018) war eigentlich Psychiater und auf Familientherapie spezialisiert, sein Roman basiert also auf seiner Arbeit. Leider verläuft sich die einigermaßen charmante Idee schnell, und der Roman läuft schnell ins Leere.

Viele der Briefe (der Roman besteht nur aus diesen Briefen, und aus keinerlei erzählender oder erörternder Handlung) wirken seltsam unlebendig und aufgesetzt. Oft fügen die Schreibenden Zitate von Schriftstellern und Philosophen ein, die nur leidlich ins Bild passen, so dass der Eindruck entsteht, man wolle nur mit seiner Bildung prahlen. Insgesamt bleiben die Briefe ziemlich unpersönlich und verkopft. Es gibt auch keine überzeugende Erklärung dafür, warum plötzlich alle anfangen zu schreiben, oder warum den Beteiligten diese neue Art der Kommunikation etwas bringt, sich selbst oder in der Beziehung zu den anderen. Der Eindruck soll entstehen, es bleibt jedoch bei leeren Behauptungen.

Auch, warum genau sich Boris zu einem bestimmten Zeitpunkt so radikal von seinen Eltern losgesagt hat, bleibt einigermaßen nebulös. Als Leser hat man keine Chance, sich zu positionieren, so dass einem die Geschehnisse schnell egal werden. Zwischentöne könnten Abhilfe schaffen, doch wenn es sie gab, war ich für diese wohl einfach nicht empfänglich. Manche Sätze in den Briefen sind zudem so eindeutig eine Information an den Leser und nicht an die angeschriebene Person gerichtet, dass es recht plump auf mich wirkte.

So kann ich leider keine Empfehlung aussprechen für „Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst“. Es mag etwas Wahres sein an diesem Satz, doch Salems Roman hat ihn nicht mit Leben gefüllt. Für mich daher eine Enttäuschung.

Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst, aus dem Französischen von Christian Kolb, Dumont Verlag, 2019, 206 Seiten

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