Venezianisches Rätsel – Gerhard Roth: Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier

Emil Lanz lebt als Übersetzer in Venedig. Seine Frau ist schon lange tot, er wurde zum Einzelgänger und streift durch die Stadt, beobachtet die Menschen und genießt die Kultur um sich herum. Glücklich ist er nicht, eher ein bisschen lebensmüde im wahrsten Sinn des Wortes und so reift in ihm der Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Aus dem Nachlass seiner Frau sind ihm zwei Pistolen geblieben, von denen eine das Werkzeug werden soll, und so trinkt er sich Mut an, sucht eine eher schwach frequentierte Nachbarinsel Venedigs auf und möchte gerade zur Tat schreiten. Doch da beobachtet er einen Mord.

Plötzlich hängt Lanz wieder sehr am Leben, flieht in der Hoffnung, dass die Mörder ihn nicht gesehen haben, was ihn zwangsläufig in Gefahr gebracht hätte. Er lernt die Fotografin Julia kennen, die in das Geschehen involviert ist, verliebt sich und weiß doch nicht, ob er ihr trauen kann. Er zögert, zur Polizei zu gehen, bis es dafür zu spät ist. Er wandert weiter durch Venedig, beobachtet und sinniert, lernt weitere Personen kennen, die mit dem Verbrechen zu tun haben. Alles wird unkonkreter, dubioser, verwirrender. Am Ende steht die Frage, wie viel wir diesem Lanz glauben können. Hat der Mord wirklich stattgefunden? War er womöglich selbst der Täter? Oder war er in seinen selbstzerstörerischen Absichten vielleicht doch erfolgreich und ist bereits tot bzw. in einer Art Zwischenwelt gefangen? Alles scheint möglich. Roth baut einige märchenhafte, das heißt unglaubwürdige Elemente ein und bezieht sich mehrfach auf Shakespeares „Sturm“, verleiht dem Roman eine spielerische Note.

Gerhard Roths „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“ war meine zweite Begegnung mit dem Autor, von dem ich bereits vor einigen Jahren einen Roman las, der mich in wenig verwirrt zurückließ. Da mich Setting und Plot von Roths neuem Roman ansprachen, startete ich einen erneuten Versuch mit einem Roman des Österreichers, muss aber feststellen, dass Werk und Leserin wohl einfach nicht zusammenpassen.

Dabei liegt mir die Art und Weise, wie Roth seinen Antihelden durch Venedig streifen lässt, durchaus, die Überlegungen, das etwas Vage, das ganze Flanieren. Dennoch habe ich keinen rechten Zugang zur Hauptfigur oder zur Geschichte finden können. Das begann schon damit, dass ich Emil Lanz keine Sekunde geglaubt habe, dass er sich wirklich das Leben nehmen wollte. Nur eine kleine Randnotiz ist das allerdings, noch mehr fehlte mir aber ein Spannungsbogen, verlor ich bei den Beschreibungen Roths schnell den Faden und die Konzentration und leider auch irgendwann das Interesse.

Sowohl im Feuilleton, als auch in einigen wenigen Blogs habe ich nur positive Besprechungen zu Roths neuem Roman gefunden und objektiv betrachtet, erachte ich sie allesamt als gerechtfertigt. Roth wirft Fragen auf, schafft ein interessantes Setting und Rätsel, schreibt souverän – einzig mich hat er nicht erreichen können. Vielleicht bin ich an ihm gescheitert, vielleicht war es der falsche Zeitpunkt oder es ist am Ende doch ganz einfach und Roths Werk ist einfach keines für mich. Andere Leser mögen das ganz anders sehen.

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier, Fischer Verlag, 2019, 368 Seiten