Tod in den Bergen – Norbert Gstrein: Als ich jung war

Nach dreizehn Jahren, die der Ich-Erzähler als Skilehrer in den USA verbracht hat, kehrt er zurück ins heimische Österreich. Dort richteten seine Eltern jahrelang wie am Fließband Hochzeiten aus, oft zwei an einem Wochenende. Franz wurde vom Vater schon in jungen Jahren als Hochzeitsfotograf abgestellt und arbeitete sich schnell und durchaus talentiert ein in dieses Metier. Seine Spezialität war dabei das Ablichten des frisch verheirateten Paars vor einem Abgrund. Eine Szenerie, die nicht selten zu morbiden Fragen führte, wenn die Braut etwa vom Bräutigam zwinkernd wissen wollte, ob er sich ihr nicht doch noch schnell entledigen wolle. Franz glaubt zuweilen, aus diesen Fragen einen ernsten Kern herauszuhören. Aus dem Spaß wird schließlich Ernst, als tatsächlich einmal eine Braut an genau diesem Ort wenige Stunden nach der Hochzeit ums Leben kommt.

Ein etwas verschrobener Kommissar befragt ihn wieder und wieder dazu, und Franz gerät noch mehr in dessen Visier, als er erfährt, dass Franz nur wenige Wochen zuvor an genau der Stelle eine 13-Jährige, die Cousine einer Braut, geküsst hat. Gegen ihren Willen und in dem Glauben, sie sei bereits 17 (und so oder so also in jedem Fall minderjährig). Ein Ereignis, das ihn nicht loslässt und für das er sich schuldig fühlt. Vor dieser Schuld und vor dem mysteriösen Tod (Mord? Unfall? Selbstmord?) jener anderen Braut kurze Zeit später war Franz in die USA quasi geflüchtet und hatte sich dort als Skilehrer verdingt.

Doch auch hier geschieht etwas Verstörendes, als sich einer seiner Kunden, mit dem er ein enges, fast freundschaftliches Verhältnis gepflegt hat, sich eines Tages für ihn völlig unerwartet das Leben nimmt. Franz versucht zu verstehen, und tatsächlich erfährt er nach dem Tod des Bekannten noch sehr persönliche Details. An das Erbe, das er ihm vermacht hat, sind einige Bedingungen geknüpft, die ihn zwingen, sich noch einige Zeit mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen.

Norbert Gstrein erzählt in seinem neuen Roman „Als ich jung war“ in sich abwechselnden Kapiteln über die Ereignisse damals in Tirol, als der Protagonist eben jung war und sich dem Erwachsenwerden quasi verweigerte, und jene in den Rocky Mountains. Beide Male stehen die Toten dabei im Vordergrund, lassen Franz nicht los. Nach und nach enthüllt er neue Einzelheiten, einerseits aus seinem Leben, andererseits Neuigkeiten, die die beiden für ihn so wichtigen und völlig unerwarteten Todesfälle betreffen. Die Spannung bleibt dadurch hoch, stets hat man das Gefühl, dem eigentlichen Knackpunkt näher und näher zu kommen.

Immer deutlicher wird dabei auch, dass Franz ein Einzelgänger ist, schüchtern und vielleicht selbst ein wenig verschroben, obwohl es zunächst gar nicht so sehr den Eindruck macht. Er lebt in der Vergangenheit und weigert sich immer noch, erwachsen zu werden. Als er heimkehrt, sieht er sich denn auch mit seinem Bruder konfrontiert, der die Gaststätte inzwischen übernommen hat und da weitermachen will, wo der Vater einst aufgehört hat. Franz hingegen scheint sich nicht von der Stelle bewegt zu haben. Das führt zu Konflikten.

Gekonnt wechselt Gstrein zwischen Zeiten und Orten, folgt seinem Antihelden hierhin und dorthin, lässt ihn uns beim Straucheln, beim Suchen und Versuchen beobachten. Dessen Flucht hat ihm ganz offenbar nichts gebracht, konnte seine Fragen nicht beantworten, seine Probleme nicht lösen – oder doch? Als Leser beginnt man zu zweifeln, verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die das Rätsel, das der Roman aufwirft, lösen könnte.

Im Vordergrund steht in „Als ich jung war“ immer das, was diesen Franz umtreibt: Es ist die Schuld, die er zu tilgen hofft, wie immer dies auch aussehen mag, es sind die Fragen, auf die er keine Antwort findet. Zwischen den österreichischen und den amerikanischen Bergen und dem, was hier wir dort geschehen ist, lebt er in einem Spannungsfeld, scheint nicht zur Ruhe zu kommen, lebt wie in Wartestellung darauf, dass das eigentliche Leben endlich beginnen möge.

„Als ich jung war“ lebt von der Spannung besonderer Art, von der Suche nach einer Wahrheit oder gleich mehrerer Wahrheiten. Bis zum Schluss bleibt offen, ob der Roman diese Antworten geben wird. Ein wenig aus der Zeit gefallen erscheint die Geschichte und vor allem ihr Protagonist, der – obwohl längst nicht mehr jugendlich – Probleme hat, seine Identität zu finden, einem Männlichkeitsbild zu entsprechen, mit dem er sich wohl- bzw. eins mit sich fühlen kann. Dass das so schwierig für ihn ist, steht im Zentrum des Romans, und sagt Einiges aus über die Welt, in der er spielt.

Norbert Gstrein: Als ich jung war, Hanser Verlag, 2019, 352 Seiten

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