Der Verlorene – Sayed Kashua: Lügenleben

„Wenn Menschen etwas glauben wollten, könne sie keine Macht der Welt umstimmen, …“ S. 225

Das Werk Sayed Kashuas, israelischer Schriftsteller und Journalist arabischer Herkunft, begleitet mich schon seit einigen Jahren. Seine Romane, in denen meist die – gerade auch alltäglichen –  Konflikte zwischen Arabern und Israelis im Vordergrund stehen, waren stets unterhaltsame, kluge und erhellende Lektüre für mich. Sein Kolumnenband „Eingeboren“, das letzte Buch des Autors, das 2016 bei uns erschien, beschäftigte sich unter anderem mit Kashuas Entschluss, mit seiner Familie in die USA auszuwandern. Für ihn auch das Eingeständnis einer Niederlage und der Resignation, da er immer die Hoffnung hatte, dass ein Leben ohne größere Probleme und Konflikte für ihn und seine Angehörigen in Israel möglich sei.

Die Auswanderung in die USA hat Kashua mit dem Protagonisten seines neuen Romans „Lügenleben“ gemeinsam. Zu Beginn der Geschichte besucht er zum ersten Mal seit vielen Jahren Israel, um seinen Vater zu besuchen. Dieser liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, sein Gesundheitszustand ist ernst. Eher zaghaft beginnt der Erzähler, dem Vater von seinem Leben in Amerika zu berichten, von den drei Kindern, die ihre Großeltern nicht kennen, von seiner Frau. Immer deutlicher wird dabei, dass er verstoßen wurde, dass er sich schuldig gemacht haben muss. Seine Heimatstadt darf er nicht betreten, seine Geschwister wollen zum Teil nichts mit ihm zu tun haben. Was ist vorgefallen?

Im Titel „Lügenleben“ steckt viel von dem, was Kashuas neuen Roman ausmacht. Als Leser ist man zunächst einmal verwirrt, weiß nicht, was man dem Erzähler glauben kann, versucht, das Gelesene einzuordnen. Sagt er die Wahrheit oder hat er sich sein Leben erlogen? Sein Geld verdient der Protagonist mit dem Aufschreiben der Lebensgeschichten einfacher, das heißt nicht bekannter Menschen. Menschen, die, meist hochbetagt oder krank, wollen, dass ihre Angehörigen und Nachkommen von ihrer Vergangenheit erfahren. Die in Geschichten weiterleben möchten. Der Protagonist schreibt auf, was seine Kunden ihm erzählen – und schmückt das Erzählte aus, fügt eigene Erinnerungen hinzu. Niemandem scheint das aufzufallen, oder halten die Menschen das Hinzugefügte dann schlicht für eine eigene Erinnerung, die ihnen bloß gerade entfallen ist? Die Erinnerung des Protagonisten hingegen scheint für ihn dann „verbraucht“.

„Lügenleben“ ist die schmerzliche Studie eines Mannes, der einst einen Fehler gemacht hat, der eigentlich gar keiner war, denn er hätte den Lauf der Dinge niemals vorhersehen können. Doch er nimmt die Schuld auf sich und entschließt sich, sie zu sühnen, und darauf zu hoffen, dass man ihm am Ende verzeihen wird. Vor dem Leser entblättert sich all das zunächst sehr langsam. Nach und nach wird die Verlorenheit dieses Menschen deutlich, seine tiefe, einsame Niedergeschlagenheit. In den USA sehnt er sich nach seiner Heimat, nach seiner Familie, mit der er keinen Kontakt mehr hat, aber auch nach Frau und Kindern, als er in Israel ist. Eine irrationale Angst lässt ihn außerdem stets befürchten, seinen Kindern könne etwas zustoßen oder sie könnten einfach zu atmen aufhören. Er sehnt sich nach Anerkennung und Vergebung. Und nach einem Weg, mit seiner eigenen Lebensgeschichte umzugehen, eine Haltung zu ihr zu finden.

„Ich habe mich noch nicht entschieden, welche Geschichten ich mir selbst erzählen soll, ich weiß nur Anfänge, aber kein Ende.“ S. 192

„Lügenleben“ erzählt dabei auch die archaischen Strukturen mit, in denen der Erzähler lebt, eine Welt, in der die Erhaltung der Ehre das Wichtigste überhaupt ist. Der Roman zeigt ebenso auf, wie sich ein vermeintlich vorgezeichnetes Leben ändern kann durch eine einzige Entscheidung, eine falsche Abbiegung, die man nicht einmal sehen konnte. Wenn auch weniger deutlich als in seinen vorigen Romanen, geht es auch darum, anders zu sein, als Araber in Israel oder in den USA. Das Gefühl, in der Fremde ein Außenstehender zu sein, trägt zur Isolation des Protagonisten bei. Der Roman fragt, worüber wir uns überhaupt definieren. Ein angesehener Beruf, ein soziales Netz, Familie, Freunde. Aber auch Achtung vor sich selbst. Was passiert, wenn all dies wegfällt? Kashuas Held irrt durch sein Leben, erträgt stoisch die Demütigungen, immer in der irrationalen Hoffnung, dass er nur immer so weitermachen muss, bis sich alles doch noch fügt. Sayed Kashua erzählt all dies vermeintlich leicht und mit scharfem Blick. Sprachlich präzise und meist schnörkellos, klug und letztlich ins Mark treffend. Ein großartiger Roman.

Sayed Kashua: Lügenleben, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, 2019, 272 Seiten

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