Gelebtes und erträumtes Leben – Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter

Schon der Titel von Judth Kuckarts Roman kommt ein wenig kryptisch daher, und immer wieder habe ich während der Lektüre darüber nachgedacht, wie, und vor allem dass er sehr gut passt in diese und zu dieser Geschichte, die uns da erzählt wird. In mehrerer Hinsicht. Gibt es keinen Sturm, keine Aufregung, keine Erlebnisse (mehr?) im Leben der Protagonistin? Nur das Wetter an sich, Oberbegriff für alles von Sonnenschein bis Schnee und Hagel, neutral wie das Wort Leben. „Kein Sturm, nur Wetter“ ist ein gut gewählter Titel für den schmalen Roman, der gerade im Dumont Verlag erschienen ist.

Sturm, genauer Robert Sturm, das ist aber auch der Name des Mannes, den die Protagonistin am Berliner Flughafen Tegel trifft. Wobei sie nicht dort ist, um irgendwo hinzufliegen. Sie sitzt in einem Café, das macht sie öfter, träumt vielleicht davon, wegzufliegen, zumindest träumt sie sich ein wenig fort aus ihrem Alltag. Sie ist 54, alleinstehend, arbeitet als Lektorin für medizinische Fachbücher, weil sie sich nach Abschluss des Medizinstudiums nicht in der Lage sah, mit Patienten zu arbeiten. Das Wort Einsamkeit fällt nicht, doch im Laufe der Lektüre kriecht es immer deutlicher hervor zwischen den Zeilen, macht sich breit in der Leserin. Es ist ein zutiefst melancholisches Buch, dieser Roman.

Sturm ist 36, also 18 Jahre jünger als sie. Zwei wichtige Männer gab es zuvor im Leben der Protagonistin: Viktor, den sie kennenlernte, als sie selbst 18 war. 15 Jahre war sie mit ihm zusammen. Dann traf sie Johann, da war sie auch selbst 36, genau wie er. Drei Männer, alle waren zum Zeitpunkt des Kennenlernens 36. Judith Kuckart spielt mit Zahlen in ihrem Roman. Diese 18 wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas konstruiert, aber dieser Eindruck verfliegt schnell. Und die Zahl 18 verdeutlicht so schlicht wie spielerisch den jeweiligen Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich befand, als sie diese Männer traf. Zunächst selbst 18, sehr jung, während Viktor in ihren Augen so viel älter, erwachsener war. Nie wird sie das Gefühl los, ein billiger Ersatz zu sein für eine andere, die Viktor nicht haben konnte. Doch sie bleibt. Auch später mit Johann, dem gleichaltrigen Dramaturgen, der wie sie beruflich nicht dauerhaft Fuß fassen kann, der hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt, und mit dem sie gemeinsam altert, bleibt sie deutlich länger zusammen, als sie wohl sollte und wollte. Lange war es vorbei, und dauerte nur noch an, so heißt es.

Nicht nur ist es die 18, die Zahl der Volljährigkeit, die eine Rolle spielt, es ist auch die 7. Eine Woche vergeht, zwischen dem Tag, an dem sie Robert Sturm am Flughafen trifft, den 36-jährigen, was jetzt so viel jünger ist als sie, bis zum nächsten Samstag, an dem er zurückkehren wird aus Russland, wo er geschäftlich hingereist ist. In der Zwischenzeit reimt sie sich ein Wiedersehen, eine gemeinsame Geschichte zusammen, sieht sich an, wo er wohnt – am Flughafen hat sie in einem unerkannten Moment seine Visitenkarte an sich genommen – und erinnert sich an die beiden Beziehungen in ihrem Leben, die längst vergangen sind. Versucht, ihre Rolle dabei endlich zu verstehen.

„Kein Sturm, nur Wetter“ ist ein oft schwebender Roman, in dem hin- und hergesprungen wird zwischen den Zeiten, den Beziehungen, aber auch zwischen dem Handfesten, dem Geschehenen und dem Erinnerten, dem Gedachten und Gewünschten, bis beides miteinander verschmilzt und verschwimmt. Eine nachdenkliche, behutsame, eine fragile Geschichte, in der nichts klassifiziert und bewertet wird – nur fast, anhand von Fragen, die sich die Protagonistin immer wieder stellt. Bestimmte Begebenheiten spielt sie wieder und wieder durch. Lebt mehr im Vergangenen als im Jetzigen. Dauerhaft glücklich war sie in ihren Beziehungen wohl nie. Immer wieder gibt es dabei Querverweise, die man beim einmaligen Lesen vermutlich nicht alle in Gänze einordnen kann.

Kuckarts Sprache ist präzise und elegant und sie das richtige Instrument, um sich dieser Frau anzunähern, die sich danach sehnt, nicht mehr allein zu sein, aber keine Mittel findet, um dies zu ändern. „Kein Sturm, nur Wetter“ ist ein melancholischer, flirrender Roman um Vergangenes und Gegenwärtiges und den Wunsch, zu verstehen. Um gelebtes und erträumtes Leben. Ein kraftvolles Buch ohne Antworten und einfache Lösungen. Eines, das man aushalten muss.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter, Dumont Verlag, 2019, 224 Seiten

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6 Antworten zu Gelebtes und erträumtes Leben – Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter

  1. marinabuettner schreibt:

    Kuckarts Romane sind wirklich immer ungewöhnlich. Auf diesen freue ich mich besonders. Ich hoffe, er ist bald im Briefkasten.
    Viele Grüße!

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  2. Bri schreibt:

    Erinnert vom Setting und der Sprache, wie Du sie beschreibst, ein wenig an Drehtür von Katja Lange-Müller. Muss ich wohl lesen. Der Titel hatte mich auch schon angesprochen. LG und einen schönen Sonntag noch, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Dann bin ich schon gespannt, ob es Dir gefallen wird. Dir auch einen schönen Sonntag und viele Grüße!

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