Im Flüchtlingscamp – Mohammed Hanif: Rote Vögel

Der amerikanische Kampfpilot Ellie stürzt über der Wüste ab, irgendwo in einem nicht näher bezeichneten orientalischen Land. Einige Tage kämpft er sich durch die Wüste, bis er schließlich auf Momo trifft, einen rebellischen Teenager, der in einem Flüchtlingscamp in der Nähe lebt. Momo hat einen Hund, Mutt, dem bei einem Unfall angeblich das Hirn „weggeschmolzen“ wurde. Das hindert ihn aber nicht daran, abwechselnd mit Ellie und Momo zu erzählen, was so geschieht im Flüchtlingscamp und in dieser Geschichte. Mohammed Hanifs Roman „Rote Vögel“ hat die meiste Zeit über diese drei Erzähler, die ihre Lage jeweils scharfsinnig kommentieren und analysieren und am anderen oftmals wenig Gutes finden.

Ellies Ehe ist gescheitert, was unter anderem an seinem Beruf und der Tatsache lag, dass er deutlich öfter unterwegs an den Kriegsschauplätzen dieser Welt war, als zu Hause bei seiner Frau. Nun sitzt er fest und ist auf die Hilfe derer angewiesen, die er eigentlich hätte bombardieren sollen. Momo ist trotz seiner jungen Jahre bereits mit allen Wassern gewaschen, ausgestattet mit dem arroganten vermeintlichen Durchblick eines selbstbewussten Teenagers, der alles und jeden durchschaut, und bereits auf dem Weg, ein gewiefter Geschäftsmann zu werden. Letztlich ist sein Leben aber bestimmt von der Tatsache, dass sein großer Bruder „Bro Ali“ seit einiger Zeit verschwunden ist. Seine Eltern, stets „Mother Dear“ und „Father Dear“ genannt, haben sich über den Verlust entfremdet. Im Lager befindet sich gerade außerdem noch eine NGO-Mitarbeiterin, um „die Psyche junger Muslime“ zu studieren. Momo ist sich sicher, dass er klüger ist als sie, immer weiß, was sie denkt und worauf sie hinaus will, und dass er ihr nur das gibt, was er gerade zu geben bereit ist, während Mutt, der Hund, zu wissen glaubt, dass Momo einfach nur scharf auf sie ist.

Mohammed Hanif schreibt sich mit „Rote Vögel“ immer wieder nah an die Grenze zum Absurden heran bzw. auch darüber hinaus. Einen Hund ca. ein Drittel des Romans erzählen zu lassen, das kann schnell mal schief gehen, doch dieser Mutt ist dem Autor gut gelungen. Er ist die eine weitere Figur, von der keiner der anderen ahnt, dass sie ihnen fast ebenbürtig ist und keineswegs nur ein Statist. Jemand, der scharfsinnig alles um sich herum beobachtet, und mit seiner ganz eigenen Hundelogik kommentiert. Wie die anderen hält auch er sich für schlauer als sie. Über seinen Unfall sagt er:

„Gleichwohl wurde ich in jenem Moment ich selbst. Zuvor war ich nur ein überdurchschnittlich begabter Hund mit niederen Gelüsten, animalischen Trieben und einer Vorliebe für hausgemachtes Essen gewesen […] Momo sagt, mein Hirn sei bei diesem Unfall gegrillt worden. Meiner Meinung nach wurde ich an jenem Tag zum Philosophen.“ S. 178

Hanif lässt nicht nur Mutt, sondern auch Momo und Ellie in ihrer jeweils eigenen, sehr direkten Sprache erzählen. Teils ist das sehr explizit und böse, an Schimpfwörtern und Fäkalsprache wird nicht gespart, immer kommen sie direkt auf den Punkt und übertreiben genau im richtigen Maß, so dass das alles stets schwankt zwischen der Satire, die der Roman zweifellos ist und der Ernsthaftigkeit, die dem Ganzen zugrunde liegt. So liefert der Autor jede Menge Kritik, und zwar an jedem, nicht nur an den Amerikanern, die die Situation, in die Ellie hineingeraten ist, letztlich selbst geschaffen bzw. sie zumindest mitverschuldet haben, sondern auch an den Bewohnern des Camps, die es nicht schaffen, eine eindeutige Haltung einzunehmen.

Besonders gut gefallen hat mir dabei die Darstellung des absurden Trainings, das Ellie durchlaufen hat und auf das er oft zurückkommt. In einem Seminar namens „Interkulturelle Sensibilität“ hat man versucht, ihn auf das vorzubereiten, was ihn erwarten würde in den Flüchtlingscamps der arabisch-orientalischen Welt (tatsächlich erfahren wir niemals, wo genau Ellie sich befindet, arabisch wird dort jedenfalls nicht gesprochen). Da gab es Module zum Thema „Wie man amerikanische Werte verteidigt, ohne die Gefühle des Gegenübers zu verletzen“, „Höflichkeit im Umgang mit Stammesangehörigen“, „Respekt vor Religion und Ritual“ oder „Essen und Trinken mit dem Feind“. Ellie spult all das Gelernte innerlich ab, wenig überraschend, dass es wenig hilfreich ist.

„Rote Vögel“ ist ein bissiger und sehr unterhaltsamer Roman in teils deftiger Sprache, getragen von seinen so unterschiedlichen Protagonisten, alle zunächst keine Sympathieträger, aber herrlich zum Leben erweckt von Mohammed Hanif. Mit der Zeit rückt der verschwundene Bruder Momos und die Trauer um ihn, der womöglich tot ist, mehr und mehr ins Zentrum, und generell wird die Geschichte diffuser und nebulöser, beginnend, als Mutt zum ersten Mal die titelgebenden „Roten Vögel“ erwähnt, die Seelen der Verstorbenen. Hier muss man als Leser ein wenig Verwirrung und Ungewissheit aushalten, ist selbst gefordert, dem Ganzen einen genauen Sinn und eine Interpretation zu geben. Mit ein bisschen Abstand betrachtet ist die Wucht, mit der Hanif seinen Roman beendet, und die mich etwas verspätet getroffen hat, umso größer. Ein vielleicht etwas sperriger Roman, der es aber in sich hat und die Lektüre in jedem Fall lohnt. Ein Highlight in diesem Lesejahr.

Mohammed Hanif: Rote Vögel, aus dem Englischen von Michael Schickenberg, Hoffmann & Campe Verlag, 2019, 320 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.