Besserungsanstalt – Colson Whitehead: Die Nickel Boys

„Er tröstete sich mit dem Gedanken, nur das tun zu müssen, was er immer getan hatte: sich korrekt verhalten.“ Kapitel 4

Sich korrekt verhalten, das würde Elwood schnell feststellen, würde nicht ausreichen, um die Zeit, die er in der sogenannten Besserungsanstalt Nickel Academy verbringen sollte, schnell herumzubringen und danach einfach dort anzusetzen, wo er unterbrochen worden war: Elwood erbrachte in der Schule gute Leistungen und wollte nach den Ferien ans College, um Literatur zu studieren, fest davon überzeugt, dass ihm alles gelingen werde, was er sich wünschte, wenn er sich nur genug anstrengte und sich richtig verhielte. Doch Elwood ist schwarz und dadurch einem offenen Rassismus quasi wehrlos ausgesetzt.

Dass Elwood überhaupt im Nickel landet, ist nicht nur ein Justizirrtum, sondern auch ein Skandal. Zufällig befindet er sich in einem gestohlenen Auto, das in eine Polizeikontrolle gerät, aber niemand hat Zweifel an Elwoods Mitschuld oder ein Interesse daran, ihm einen fairen Prozess zu machen. Doch er will sich nicht brechen lassen, nicht aufgeben, glaubt, dass er seinen Weg noch gehen werde, wenn er erst wieder draußen ist.

Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten haben, um früh zu ahnen, dass es so einfach nicht werden wird. Dass die Besserungsanstalt Elwoods Plan durchkreuzen wird und zwar für immer. Im Nickel werden die Jungen strikt in Schwarz und Weiß getrennt, beide Gruppen werden schlecht behandelt, doch die Schwarzen noch einmal deutlich schlechter als die Weißen. Die Jungs müssen arbeiten und sich durch das Sammeln von Punkten durch vier Stadien arbeiten: Einmal im obersten angekommen, wird man entlassen. Es ist ein undurchschaubares und willkürliches System. Und ein gewalttätiges: Es gibt ein „Weißes Haus“ auf dem Gelände. Wer dort hin beordert wird, wird gedemütigt und geschlagen. Danach geht es erst einmal auf die Krankenstation, doch es gibt auch Jungen, die spurlos „verschwinden“.

Colson Whitehead schrieb seinen neuen Roman „Die Nickel Boys“ basierend auf einer wahren Begebenheit. Zwar ist die Anstalt, die er beschreibt, seine Erfindung, doch es gab einen Fall, der ihn dazu inspirierte: Man fand Grabstellen an der „Dozier School for Boys“ in Florida, die man forensisch untersuchte und feststellte, dass die dort verscharrten Leichen ganz offenbar zu Tode misshandelt wurden. In den letzten Jahren wurden die dortigen Geschehnisse dokumentiert und man kann die Erinnerungen einzelner Schüler im Netz nachlesen – dieses Wissen macht die Lektüre der „Nickel Boys“ umso erschütternder.

Whitehead erzählt die Geschichte seines Helden Elwood und dessen Freund Turner gnadenlos, so dass man als Leser immer wieder fassungslos steht vor so viel Ungerechtigkeit und unverhohlenem Rassismus. Elwoods Kampfgeist, sein Glaube an das Gute, sind auf der einen Seite wohltuend, auf der anderen Seite schwer zu ertragen, weil er so offenkundig gegen Windmühlen ankämpft. Turner ist da schon realistischer, aber auch er kann seinen Freund nicht davon abhalten, etwas Dummes zu tun, dass ihrer beider Schicksal beeinflussen wird.

Nach dem preisgekröntem Roman „Underground Railroad“ hat Colson Whitehead einen weiteren Roman geschrieben, einen, der schonungslos aufzeigt, was es bedeutet hat, im 20. Jahrhundert schwarz zu sein. Dass der Rassismus so tief in der Gesellschaft verankert war bzw. immer noch ist, dass der Einzelne kaum etwas dagegen ausrichten kann. Außer die ständigen Demütigungen herunterschlucken, möglichst nicht auffallen und hoffen, dass es bei Demütigungen bleibt. Erfahrungen, wie Whiteheads Protagonisten sie in seinem neuen Roman machen, bleiben dabei für ein ganzes Leben:

„… Die Vorstellung, in einem seiner ehemaligen Zimmer mutterseelenallein zu sterben und vor dem Abnibbeln nur an eines zu denken – das Nickel. Das Nickel, das ihm bis zum letzten Atemzug im Nacken säße – da platzt ein Blutgefäß im Gehirn, oder in der Brust macht das Herz schlapp –, ja sogar darüber hinaus.“ Kapitel 15

Ich habe die Geschichte um Elwood und Turner atemlos gelesen, und mit der irrwitzigen Hoffnung, dass sich alles irgendwie noch fügen würde, obwohl ich es eigentlich besser wusste. Und ich bleibe ernüchtert und erschüttert zurück. Whiteheads Roman ist schonungslos, aber auch packend und aufrüttelnd, und immer ganz nah an seinen Protagonisten. Ein starker Roman, der nichts beschönigt.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys, aus dem Englischen von Henning Ahrens, Hanser Verlag, 2019, 224 Seiten

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4 Antworten zu Besserungsanstalt – Colson Whitehead: Die Nickel Boys

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Eine wunderbare Besprechung, mit der ich das Buch erst recht lesen werde. Ich muss endlich Whiteheads Bücher kennenlernen, muss zu meiner Schande gestehen, dass ich keins kenne. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Vielen Dank! Ich kenne bisher auch nur diese beiden, und beide sind ja schwere Kost. Aber Whitehead hat ja auch leichteres geschrieben, das würde mich dann auch mal interessieren. Viele Grüße!

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  2. marinabuettner schreibt:

    Ich fand „Underground Railroad“ deutlich besser. Mir fehlt im neuen Roman ein wenig die passende Sprache. Obwohl ich schon las, dass es vermutlich an der Übersetzung lag.

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe „Underground Railroad“ nicht mehr so präsent. Hier mochte ich das Stringente, der Roman ist ja um Einiges kürzer als der Vorgänger. Die Sprache ist mir nicht negativ aufgefallen.

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