Was Heimat sein kann – Saša Stanišić: Herkunft

Heimat und Herkunft sind im Moment beliebte Themen in der Literatur. Das mag mit der Flüchtlingsbewegung der letzten Jahre zusammenhängen, ich glaube, es ist aber viel mehr als das. Denn Heimat und Herkunft gehen jeden etwas an, ob man seine ursprüngliche Heimat nun verlassen und sich anderswo niedergelassen hat, ob man immer weiter zieht oder sein ganzes Leben an einem Ort verbringt. Womöglich findet sich jeder in diesem Themenkomplex, weil Heimat so viel mit einem selbst zu tun hat, weil Überlegungen zur Herkunft mit dem Vergehen der Zeit, mit der eigenen Vergangenheit und Zukunft zu tun haben, mit der ganz persönlichen Lebensgeschichte. So laden Bücher zum Thema immer auch ein, das Gelesene mit dem eigenen Leben, der eigenen Betrachtungsweise abzugleichen, sich wieder zu finden im Geschriebenen oder auch nicht. In letzter Zeit hat das zum Beispiel Jan Brandt mit seinem neuen Buch „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ bewiesen, und bereits im Jahr 2017 Daniel Schreiber mit seinem lesenswerten Essay „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“.

Bei Saša Stanišić allerdings gab es so etwas wie eine Wahl nicht, als er mit seinen Eltern aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland emigrierte. Er erzählt davon, wie sie erst einmal in der Flüchtlingsunterkunft lebten, wie das war als Flüchtlingskind. Von den Eltern, die hier nicht heimisch werden durften. Von den Großeltern, vor allem der dementen Großmutter, die er nicht so oft besucht, wie er eigentlich sollte. Aber auch von seinem Leben in Deutschland, den Versuchen, als Autor Fuß zu fassen, seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Von den Jugendfreunden von der Aral-Tankstelle.

Stanišić geht nicht chronologisch vor, verweilt lang bei der Familie, bei den Wurzeln, versucht, sie zu ergründen. Er war und ist stets Sohn und Enkel, hat nun auch die Rolle des Vaters. Alles verändert sich.

„Herkunft“ springt hin und her, das Buch ist weder ein Roman noch eine Autobiographie und doch ein bisschen von beidem. Es ist wie eine Collage von Texten, in denen sich der Autor mit der Frage befasst, wo er herkommt, und das ist nicht nur örtlich gemeint. Wo und wie er nun angekommen ist, inwiefern er hier ein Fremder ist und bleiben wird. Das alles in einem sehr warmherzigen Ton und teilweise voller pointiertem Humor, der die Lektüre zu einem Vergnügen macht. Obwohl ich mich mit der teils sprunghaften Erzählweise nicht immer ganz anfreunden konnte, habe ich Stanišićs leichtes und doch tiefsinniges Buch gern gelesen. Am Ende gibt es noch ein spielerisches und experimentelles Kapitel, in dem der Leser selbst beinflussen kann, wie die Geschichte weitergeht, indem er sich für jeweils eine Möglichkeit des Fortgangs entscheidet. Eine witzige Idee, die bei mir aber nur leidlich funktioniert hat, da meine Wahl offenbar so phantasielos war, dass ich in kürzester Zeit am Ende angekommen war.

„Herkunft“ ist ein warmherziges Buch, das stets den richtigen Ton trifft zwischen Nachdenklichkeit und Leichtigkeit, die Reflektion eines sympathischen Autors auf der Suche nach seinen Wurzeln.

Saša Stanišić: Herkunft, Luchterhand Verlag, 2019, 368 Seiten

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