Pilgerfahrt ohne Erleuchtung – Sophie von Maltzahn: Liebe in Lourdes

Kassandra ist Ende 30, sie ist geschieden und Single, als sie sich entschließt, an einer Pilgerfahrt nach Lourdes teilzunehmen. Dort wird sie sich um ein behindertes Kind kümmern, den Teenager Anke, ein Mädchen, das im Rollstuhl sitzt und auch eine geistige Behinderung hat. Das Ganze ist so etwas wie ein aristokratisches Ritual, an dem Gutbetuchte teilnehmen, um etwas für Bedürftige zu tun, Pilgerfahrten dieser Art finden jedes Jahr statt. Kassandra trifft bald auf Pilger, die schon seit vielen Jahren dabei sind und für die Lourdes selbstverständlich zu ihrem Leben gehört. Alles ist komplett durchorganisiert.

Kassandra beobachtet das für sie so fremde Treiben mit Neugier und teilweise Unglauben. Hier treffen alte und angestaubte Traditionen auf das moderne Leben, wenn sie zum Beispiel von ihrer Zimmergenossin darum gebeten wird, nicht an die große Glocke zu hängen, dass diese bei ihrem Freund übernachten wird und nicht in Kassandras und ihrem vorgesehenen Zimmer. Offiziell erlaubt ist dem Paar das nicht, da die beiden nicht verheiratet sind, zudem ist ihr Freund geschieden, so dass eine Heirat nicht möglich ist. Eine kirchliche, natürlich, was aber mit keinem Wort erwähnt wird, da es in diesen Kreisen wohl einfach nicht erwähnenswert ist.

Ein paar wenige weitere tummeln sich noch in Sophie von Maltzahns Roman, wie Fanni, die unbedingt ein Kind mit ihrem Freund möchte und Oki, zu dem Kassandra sich bald hingezogen fühlt. An der Spitze der Organisation kommt es außerdem zu Streitereien, das Ganze lässt teilweise an einen Schulausflug denken. Diese Konflikte nehmen in „Liebe in Lourdes“ einen größeren Raum ein.

„Liebe in Lourdes“ hat mich nicht überzeugen können. Auf mich wirkt der Roman seltsam uninspiriert, was schon damit beginnt, dass sich mir nicht erschlossen hat, warum Kassandra überhaupt nach Lourdes fährt. Sie mag sich an einem wichtigen Punkt in ihrem Leben befinden, sie ist Ende 30 und kinderlos, hat aber einen Kinderwunsch, jedoch erfahren wir nichts darüber, wieso sie sich ausgerechnet für die Pilgerfahrt entscheidet, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. So lässt sie sich nur sehr widerwillig auf die Erfahrungen in Lourdes ein, besteht darauf, alles nüchtern und auf intellektueller Ebene zu betrachten. Das ist weder unrealistisch noch erstaunlich, als moderner Stadtmensch der sie ist, dennoch stellt sich die Frage, was genau sie eigentlich erwartet hat, denn sie hat sich vorher eingehend mit Lourdes beschäftigt. So gesehen wird sie als ziemlich naiver und eher uninteressanter Charakter dargestellt. Da hätte es meiner Meinung nach nicht auch noch eine Liebesgeschichte gebraucht, die das Ganze noch mehr in eine romantisch-leichte Ecke treibt.

Leider erfährt man sehr wenig über Lourdes selbst, und zu keinem Zeitpunkt wird dieser doch eigentlich so mit Bedeutung aufgeladene Ort in irgendeiner Form besonders. Alles bleibt sehr oberflächlich, zugunsten der Darstellung einer vermeintlich modernen Frau, die zwar einerseits versucht, sich auf das Abenteuer Lourdes einzulassen, andererseits aber niemals wirklich dazu in der Lage ist und die, statt wirklich eine nennenswerte Entwicklung durchzumachen, stattdessen einen Mann findet, der sich dann als die Antwort auf ihre Probleme anbietet.

Auch sprachlich gibt „Liebe in Lourdes“ wenig her. Immer wieder wird es plötzlich sehr umgangssprachlich-slangartig, was sich nicht recht einfügt in den sonstigen Ton der Geschichte, wobei dieser sich nicht durch irgendwelche Besonderheiten auszeichnet. Außerdem macht Kassandra durch die teils abwertende, „hippe“ Sprache, mit der sie ihre Beobachtungen zum Ausdruck bringt, Lourdes und seine Besonderheiten herunter, was der Figur einen arroganten Touch verleiht. So bleibt mir leider nur zu sagen, dass ich hoffe, Sophie von Maltzahns Roman möge seine Leser finden. Von mir gibt es aber keine Empfehlung.

Sophie von Maltzahn: Liebe in Lourdes, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 224 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Pilgerfahrt ohne Erleuchtung – Sophie von Maltzahn: Liebe in Lourdes

  1. dj7o9 schreibt:

    Es ging mir genauso. Das letzte Drittel habe ich nur noch überflogen, es hat mir überhaupt nicht gefallen. Wie Du auch schreibst, es ist irgendwie uninspiriert, man versteht nicht, was die Protagonistin überhaupt dazu bewegt diese Pilgerreisen-Begleitung zu machen und erfährt insgesamt wenig über sie. Weiß nicht mehr, ob es ein oder sehr gnädige 2 Sterne auf Goodreads waren. Die Zeit kann man sich sparen, deinen Beitrag hingegen nicht :)
    Ganz liebe Grüße, Sabine

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Liebe Sabine, vielen Dank! Schlechte Besprechungen sind ja immer ein bisschen unangenehm, aber leider habe ich es ganz genauso empfunden. Dabei fand ich die Ausgangssituation eigentlich recht spannend, daraus hätte man so viel mehr machen können. Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

      Gefällt 1 Person

  2. portfuzzle schreibt:

    Respekt. Man muß auch mal schreiben was einen nicht gefällt. Das trauen sich nicht viele. Zum Glück gibt es genügend neue Bücher und der Ärger ist schnell vergessen.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.