Krimistar auf Abwegen – Ingvar Ambjørnsen: Aus dem Feuer

Es ist schon einige Jahre her, irgendwann Anfang der 2000er Jahre, da sah ich im Kino einen norwegischen Film über einen Mann namens Elling. Elling hatte psychische Probleme und konnte den Alltag nach dem Tod seiner Mutter nicht allein meistern. Er kam zunächst in die Psychiatrie und zog schließlich mit einem anderen Mann in eine WG, wo er langsam lernte, zurechtzukommen. Ich erinnere mich noch, dass den Film eine interessante und überzeugende Mischung zwischen ernsten und heiteren Tönen auszeichnete und dass Elling ein zwar eigenwilliger, aber auch liebenswerter Charakter war.

Autor Ingvar Ambjørnsen hat gerade einen fünften Roman über seinen Antihelden Elling herausgebracht, aber mein erster Kontakt mit dem Werk des Norwegers ist ein anderer, nämlich der Roman „Aus dem Feuer“ aus dem Jahr 2014 (bei uns 2016). Hauptfigur ist Alexander Irgens, Autor von Kriminalromanen und in Norwegen etwa so bekannt wie in der Wirklichkeit Jo Nesbø. Gerade kommt Irgens’ neuester Krimi heraus, der sechste Band einer Reihe um den Kommissar Stig Hammer, und Irgens sollte eigentlich auf Werbetour dafür gehen. Aber nach einem Promo-Dinner mit elf Buchhändlerinnen trifft er gemeinsam mit seiner Geliebten Vilde auf einen Fan, der sich nicht abwimmeln lässt, woraufhin es zu Gewalttätigkeiten kommt. Die Begegnung endet für den Anhänger Alexanders im Krankenhaus. Daraufhin rückt sein neues Buch mehr und mehr in den Hintergrund. Die Sache hat Folgen für seine Beziehung zu Vilde und dann ist da auch noch Ada, mit der Alexander seit vielen Jahren verheiratet ist und die schon Vieles schweigend hingenommen hat.

„Aus dem Feuer“ zeichnet sich aus durch eine Mischung aus der schnellen Handlung, die Ambjørnsen in eine präzise Sprache verpackt, aber auch durch sehr stimmungsvolle, eher retardierende Naturbeschreibungen, was auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen scheint, aber seinen Reiz hat. Das Buch passt in keine Schublade und hat mich zuweilen verwirrt. Immer wieder treten neue Figuren auf und verschwinden teilweise wieder, bis sich herauskristallisiert hat, wer für die Geschichte wirklich entscheidend ist. Alexander Irgens selbst erzählt aus der Ich-Perspektive und somit aus eingeschränkter Sichtweise, was dazu beiträgt, dass er als Charakter schwer zu fassen und einzuordnen ist. Seine Schwächen, die er zweifelsohne hat, erscheinen in der Selbstdarstellung weniger dramatisch, als sie es womöglich wären, würde ein Außenstehender Irgens beobachten und von ihm erzählen.

Irgens hat es nicht leicht in dieser Geschichte – woran er, und das weiß er – größtenteils selbst schuld ist. Das macht den Roman interessant und die Hauptfigur sehr ambivalent. Er irrt durch Norwegen, schließlich durch Island und Deutschland, alles scheint ihm zu entgleiten. Dem Leser wächst er unweigerlich ans Herz, auch wenn er eigentlich nicht wirklich liebenswert ist. Ambjørnsen schafft mit „Aus dem Feuer“ eine leichte Satire auf den Literaturbetrieb, sein Antiheld ist berühmt wie ein Popstar, was zuweilen groteske Ausmaße annimmt.

„Aus dem Feuer“ hat mich fasziniert und mitgerissen durch Ambjørnsens spezielle Erzählweise, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte, obwohl es mich auch ein Stück weit irritiert zurücklässt und einige Unklarheiten bleiben. So ganz bekomme ich diesen Alexander Irgens nicht zu greifen. Mit Ingvar Ambjørnsen, der übrigens seit vielen Jahren in Hamburg lebt, habe ich einen sehr interessanten Autor entdeckt, von dem ich bald mehr lesen möchte.

Ingvar Ambjørnsen: Aus dem Feuer, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Edition Nautilus, 2016, 320 Seiten