Memories of the Future – Siri Hustvedt: Damals

„Manchmal ist Erinnerung ein Messer“ S. 58

Eine Frau erinnert sich. Sie ist Schriftstellerin, Anfang 60, sie trägt die Initialen S.H., genau wie die Autorin des vorliegenden Romans, Siri Hustvedt. Und genauso wie Sherlock Holmes, der in diesen Erinnerungen eine kleine Rolle spielen wird. Das Leben der Protagonistin weist so viele Parallelen zum Leben der Autorin auf, dass beide schließlich bei der Lektüre zu einer Person verschwimmen, dass man irgendwann selbstverständlich davon ausgeht, all das Beschriebene sei genauso passiert. Womöglich ist es das nicht, Einiges ist nachweisbar erfunden, zum Beispiel sieht man hinter S.H.s Mann Walter kein Alter Ego von Hustvedts Ehemann Paul Auster. Teils ist es sehr intim, was hier erzählt wird. Siri Hustvedt hätte ein biographisches Buch schreiben können, aber das hat sie nicht getan (Ich verrate in meiner Besprechung etwas mehr vom Inhalt als gewöhnlich, wer nicht zu sehr gespoilert werden möchte, möge hier das Lesen einstellen).

S.H. findet im Haus ihrer über 90jährigen Mutter ein altes Notizbuch, in das sie ein Jahr lang von 1978 bis 1979 ihre alltäglichen Erlebnisse und Gedanken notiert hat. Sie war Anfang 20, kam nach New York, um einen Detektivroman zu schreiben, bevor sie dann Literatur studieren wollte. S.H. ist jung und ein bisschen naiv, sie lebt von der Hand in den Mund, liest sich durch philosophische Bücher und ist bald Mitglied eines kleinen Freundeskreises. Sie schreibt an einem Roman über zwei Teenager, Ian und Isadora, die sie immer wieder mit Sherlock Holmes und Watson in Verbindung bringt. Und sie schreibt in ihr Notizbuch, was sie erlebt und vor allem über das, was sie aus der Nachbarwohnung hört. Dort lebt Lucy, eine Frau in mittleren Jahren, die sie aber zunächst nur durch die Wand hört und nie sieht. Sie versucht, das Gehörte zu entschlüsseln, bespricht es mit ihren Freunden, kann sich aber keinen richtigen Reim machen auf das teilweise unverständliche Gemurmel und die Selbstgespräche.

Kennenlernen wird sie Lucy erst an dem Abend, der auch die Schlüsselszene in „Damals“ ist: S.H. war auf einer Party mit einem jungen von sich eingenommenen Mann, doch als sie gehen möchte, besteht dieser darauf, sie nach Hause zu bringen. „Ein Mädchen, das mit mir kommt, geht auch mit mir.“ Sie hat ein ungutes Gefühl, handelt doch dagegen, als sie am Fahrstuhl auf ihn wartet. Später wird sie sich immer wieder fragen, warum? Warum glaubte sie, ihm diese vermeintliche Höflichkeit schuldig zu sein? So lässt sich der junge Mann auch an ihrer Wohnungstür nicht abwimmeln, schiebt sich mit hinein, glaubt, einen Anspruch auf Intimitäten zu haben, wird schließlich handgreiflich und stößt S.H. mit Gewalt gegen ein Regal, entschlossen, sich zu nehmen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Als Lucy aus der Nachbarwohnung gegen die Wand hämmert und schließlich mit ihren gerade anwesenden Freundinnen hinüber kommt, verschwindet der Beinahevergewaltiger.

Dieses Erlebnis ist eine Zäsur für S.H. und auch im vorliegenden Roman. Die viel ältere S.H., die von ihrer Jugend berichtet, setzt sich intensiv damit auseinander, was damals geschah und was es mit ihr gemacht hat. S.H. wurde aus der Bahn geworfen. Sie reflektiert über ihre Scham, die die seine hätte sein sollen, über ihre vermeintliche Schwachheit:

„In dem Moment, in dem er mich packte, verlor ich meine Grenzen, weil er nicht an sie glaubte.“  S. 265

„Damals“ ist filigran konstruiert. Die Ausschnitte aus den Notizbüchern, die wir Leser 1:1 zu lesen bekommen, die Seiten der Detektivgeschichte um Ian und Isadora, die S.H. nicht veröffentlichen wird. Der Rückblick auf ein Jahr aus Sicht der älteren Autorin, die, wie sie sagt, inzwischen „auf den Tod zuschreibt“. Und es ist nur ein Jahr, auf das sie zurückschaut, ein Jahr, das wichtig war für die junge S.H., wichtig für ihre Entwicklung. Die S.H. aus der Gegenwart des Jahres 2017 spricht ihre Leserinnen dann auch manchmal direkt an, denkt sich hinein in ihre, das heißt unsere Leben zur Zeit unserer Lektüre.

Der Roman, im Original mit dem klangvolleren Titel „Memories of the future“, ist sicherlich ein feministisches Buch. Eines, in dem der Protagonistin immer wieder deutlich wird, wie unterschiedlich Männer und Frauen, vor allem zur Zeit ihrer Kindheit und Jugend, behandelt wurden und immer noch werden. Es ist der eigene Vater, der einmal stolz zu ihr sagt, aus ihr werde sicherlich einmal eine gute Krankenschwester, während S.H. doch Ärztin werden will.

Mag sein, dass ihre Erkenntnisse nicht neu sind, wenn sie etwa feststellt, dass Männer mit Intelligenz verführen dürften, Frauen dies aber nicht erlaubt sei. Vielleicht liest manch eine/r Verbitterung hinein, die ich aber nicht finden konnte.

Hustvedt schreibt blitzgescheit, reflektiert das Verhalten ihrer Protagonistin messerscharf, beobachtet sehr genau. Mit der Geschichte von S.H.s Nachbarin Lucy bringt sie eine weitere Ebene in ihren Roman, der dennoch alles andere als überfrachtet ist. Abgerundet wird das Ganze zudem noch von den ironischen Zeichnungen der Autorin selbst. „Damals“ ist ein elegantes, kluges Buch einer großen Erzählerin.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und literaturreich.

Siri Hustvedt: Damals, aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald, Rowohlt Verlag, 2019, 448 Seiten

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2 Antworten zu Memories of the Future – Siri Hustvedt: Damals

  1. marinabuettner schreibt:

    Schöne Besprechung, mit der ich vollkommen übereinstimme.
    Viele Grüße!

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