Herkunft, Heimat und eine zermürbende Wohnungssuche: Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Ich erinnere mich noch daran, wie ich 2011 mit großer Begeisterung Jan Brandts Debütroman „Gegen die Welt“ las, ein Buch, das es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Das lag sicher auch daran, dass ich mich vor allem mit seinen Beschreibungen einer westdeutschen Jugend in den 90er Jahren identifizieren konnte: Brandt ist nur wenige Jahre älter als ich und nur ein oder zwei Autostunden nördlich von mir aufgewachsen.

Auch in seinem neuesten Buch, dem bei Dumont erschienenen „Wendebuch“ „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ habe ich mich wieder gefunden. Man kann selbst entscheiden, welches der beiden Bücher, die hier in einem zusammengefasst sind, man zuerst liest, dreht es dann um und kann mit dem zweiten loslegen.

Brandt hat seine ostfriesische Heimat Ende der 1990er Jahre verlassen und zog nach Berlin. Weg von einem vorgezeichneten Leben auf dem Dorf, das für ihn Inbegriff eines  Spießbürgertums war, zog es ihn in die Großstadt, um zu studieren und Schriftsteller zu werden. Im Jahr 2016 hört er davon, dass das Haus, in dem einst sein Urgroßvater gelebt hat, in seinem Heimatdorf Ihrhove abgerissen werden soll und beginnt aus einem Impuls heraus, darum zu kämpfen, dass dies nicht geschieht, dass das Haus zurück in Familienbesitz kommt, vielleicht, um dort einmal ein Literaturhaus zu errichten. Er nimmt also mit dem Bauunternehmer Kontakt auf, zieht in Erwägung, das Haus zu kaufen, was sein Budget jedoch deutlich übersteigt. Ihm wird immer klarer, dass es „ein Fass ohne Boden“ ist, dass die Renovierung noch einmal Unmengen verschlingen würde – und dennoch fällt es ihm schwer, das Haus, für ihn ein Symbol seiner Herkunft, loszulassen.

In Berlin kündigt man Brandt seine Wohnung wegen Eigenbedarf. Zunächst möchte er es nicht wahrhaben, versucht, den Eigentümer bzw. dessen Sohn zu überreden und sie der Lüge zu überführen, um vielleicht erfolgreich klagen zu können. Er lauert dem Sohn des Eigentümers, der sein Ansprechpartner ist, auf, beobachtet das Haus, in dem er ihn vermutet, obwohl der Anderes behauptet. Und parallel begibt er sich auf eine anstrengende, zermürbende und teils aberwitzige Wohnungssuche. Berlin war lang bekannt für seine moderaten Mieten, die deutlich unter denen in anderen deutschen Großstädten lagen, doch seit einigen Jahren ziehen die Mieten gnadenlos an. Brandt stellt also schnell fest, dass er seinen Standard wahrscheinlich nicht wird halten können: eine geräumige Wohnung, in der er auch arbeiten kann. Er berichtet von Besichtigungssterminen, bei denen er sich mit Massen anderer Bewerber durch die Räume schiebt, davon, wie er eine Wohnung, in der er grade ohne Wissen des Vermieters als Untermieter wohnt, als nichtssahnender Interessent anschaut und daher weiß, dass der neue Mietpreis höher liegt als erlaubt und von weiteren frustrierenden, teils hanebüchenen Erfahrungen.

Jan Brandt trifft mit seinem Buch den Nerv der Zeit. Themen wie Heimat und Zugehörigkeit sind gerade sehr aktuell. Es ist äußerst nachvollziehbar geschildert, wie er in seine alte Heimat zurückkehrt, wie er sie nicht loslassen kann und doch nicht wirklich zurück will. Wie er Freunde von früher trifft, die er damals nicht verstehen konnte, weil sie bleiben wollten, ein geregeltes Leben, Kinder, ein Haus, während es ihn in die Großstadt zog – und die er jetzt beneidet, weil sie angekommen, zufrieden sind. Und auf der anderen Seite ist es die zermürbende Wohnungssuche in Berlin, die Monat um Monat dauert, die ihn verzweifeln lässt und aus ihm teils schon eine armselige Figur macht, die in der vermeintlichen Mülltonne seines Vermieters wühlt, um Beweise für dessen Lügen zu finden.

Dabei erzählt Jan Brandt mit trockenem Humor und hat nichts dabei, wenn er selbst nicht immer im besten Licht dasteht, und mit entwaffnender Ehrlichkeit. Natürlich bleibt immer die Frage, ob sich wirklich alles auch genauso zugetragen hat, und wo der Autor sich literarische Freiheiten genommen haben könnte. Aber selbst wenn, realistisch sind seine Ausführungen dennoch. Gerade „Eine Wohnung in der Stadt“ beschreibt in seiner Wahnwitzigkeit nur zu genau, wie die Situation in Berlin gerade ist: Wie Normalverdiener in die Außenbezirke, in kleinere Wohnungen gedrängt werden, weil sie sich die Innenstadt einfach nicht mehr leisten können. Wie der soziale Wohnungsbau dem Bedarf meilenweit hinterherhinkt. Ob das gerade verabschiedete Vorhaben des Senats, Mieterhöhungen für 5 Jahre zu verbieten, die Situation spürbar entspannen kann, wird sich zeigen müssen. Jan Brandts Geschichte gibt der Situation ein persönliches Gesicht. Er zieht in eine WG, was er eigentlich nicht mehr wollte, und irgendwann ist er bereit, jede Wohnung zu nehmen, wenn sie denn nur seine eigene ist.

„Ein Haus auf dem Land“ habe ich weniger konkret gelesen als „Eine Wohnung in der Stadt“, obwohl Brandt auch hier eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Dieser Teil war für mich vor allem ein überzeugender Essay über Heimat und Herkunft, der mich ab und zu auch an Daniel Schreibers „Zuhause“ erinnert hat – ein Buch, das übrigens auch Brandt erwähnt. Jeder hat wohl den Wunsch, zu wissen, wohin er eigentlich gehört. Bei Brandt spürt man immer wieder ein wenig Zerrissenheit. So waren für mich beide Bücher in diesem einen Buch erhellend zu lesen. Brandt schreibt klug und packend, witzig und nachdenklich. Und am Puls der Zeit.

Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt, Dumont Verlag, 2019, 424 Seiten

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2 Antworten zu Herkunft, Heimat und eine zermürbende Wohnungssuche: Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

  1. thursdaynext schreibt:

    Ich bin ja überzeugte Land/Kleinstadtbewohnerin, weil ich es grün, mit wenigen Menschen und ruhig mag. Die Diskussion um die horrenden Mieten finde ich sehr spannend, denn einerseits halte ich es für richtig, wenn jeder dort wohnen kann wo es ihm genehm ist und Städte nicht zu gentrifizierten Reichenghettos werden, andererseits finde ich es schwierig Mieten zu subventionieren und das Problem liegt auch tiefer, schaut man sich an wem das Gros der Immobilien gehört. Interessante gesellschaftliche Frage. Besonders im Hinblick auf den miserablen ÖPNV im ländlichen Raum und den CO2Ausstoss.

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    • letteratura schreibt:

      Es ist wahrscheinlich unrealistisch, dass jeder dort wohnen kann, wo er will. Und ich denke, viele arrangieren sich dann auch, ziehen ein Stück weit raus, was ich mit einer guten Anbindung an die Stadt auch in Ordnung finde. Ich sehe vor allem, wie es in Berlin ist, wo die Löhne geringer sind als in anderen Großstädten, die Mieten aber trotzdem steigen, so dass sich sehr viele Menschen Sorgen machen, dass sie ihre Miete bald nicht mehr zahlen können.

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