Roboter mit Gefühl und Moral – Ian McEwan: Maschinen wie ich

Eine Geschichte rund um einen Roboter in Menschengestalt zu erfinden, ist vermutlich alles andere als neu, doch da man so seine Lesepräferenzen hat, ist mir bisher noch kein Roman mit diesem oder einem ähnlichen Plot untergekommen. Da ich aber Ian McEwan zu meinen Lieblingsautoren zähle, von dem ich blind alles lese, was neu herauskommt, habe ich mich auch mit diesem Thema auseinandergesetzt. „Maschinen wie ich“, der neueste Roman des inzwischen fast 71jährigen Briten, beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz.  Es ist ein Android namens Adam, der zu Beginn des Romans der neue Mitbewohner des etwa 30jährige Charlie wird. Von Adams Sorte gibt es nicht viele, und die Evas waren schon aus, als Charlie seine Bestellung aufgab, denn er hätte lieber einen weiblichen Roboter gehabt. Adam muss dann erst einmal konfiguriert und mit Charaktereigenschaften ausgestattet werden, die man ihm quasi einprogrammieren kann.

Dabei hilft Charlie die Studentin Miranda, die seine Nachbarin ist und bald seine Freundin wird. In der Beziehung der beiden gibt es also von Beginn an einen Dritten. Dabei ist Adam weit entfernt von einer Maschine, die einfach nur Befehle entgegennimmt und Adam im Alltag das Leben erleichtert. Im Gegenteil, er behauptet schon bald, Gefühle zu haben und besteht darauf, sich kaum von seinen menschlichen Gefährten zu unterscheiden. In kürzester Zeit häuft er außerdem sehr viel Wissen an, schließlich muss er nicht schlafen, sondern kann nachts das Internet durchforsten und alles abspeichern, was er dort findet.

So gleicht sich Adam immer mehr Charlie und Miranda an, entgleitet ihnen aber auch nach und nach. Adam entwickelt eine eigene Meinung, setzt sich selbst Dinge in den Kopf, und er mischt sich in das Leben seiner „Freunde“ ein, mehr als es ihnen lieb ist. Adam hat ein Unrechtsbewusstsein, einen Gerechtigkeitssinn, und er hat das Selbstbewusstsein, nach seinem moralischen Kompass zu handeln.

„Maschinen wie ich“ spielt in den 80ern Jahren, ist also so etwas wie Science Fiction in der Vergangenheit. In McEwans Roman ist die Welt viel weiter entwickelt und die Vergangenheit schreibt er schlichtweg um. In der Parallelwelt des Romans sind zum Beispiel keine Bomben auf Hiroshima gefallen, und der Informatiker Alan Turing, den Charlie sehr verehrt, lebt noch und hat sich nicht wie in Wirklichkeit 1954 das Leben genommen.

McEwans Roman schafft noch einige Konflikte, mit denen Charlie umgehen muss. Da ist vor allem seine Beziehung zu Miranda, die er stets zu verlieren befürchtet und die ein schweres Geheimnis hütet. Hier wird der Roman dann zu einer Geschichte von Schuld, Rache und Gerechtigkeit, wie sie schon öfter in seinen Werken Thema waren, wie in „Saturday“ und zuletzt vor allem in „Kindeswohl“.

In „Maschinen wie ich“ zeigt sich wieder einmal, dass McEwan ein großartiger Erzähler ist, der es versteht, auf hohem Niveau zu unterhalten. Wieder hat er ein gesellschaftlich relevantes Thema gewählt und den Nerv der Zeit getroffen. So flogen die Seiten bei der Lektüre nur so dahin, schreibt der Autor doch leicht, aber immer mit Tiefgang. Ob seine Ausführungen zur künstlichen Intelligenz Hand und Fuß haben, ob es das alles schon woanders zu lesen gab, kann ich dabei schwer beurteilen, dennoch bin ich froh, durch diesen Roman mit dem Thema in Berührung gekommen zu sein.

Es ist ein Gedankenspiel, das der Autor ausreizt, und er spinnt eine Geschichte, die stets Miranda und Charlie und die Auswirkungen ihres Lebens mit Adam zum Mittelpunkt hat, und die insgesamt komplexer, weil verzweigter gestrickt ist als seine beiden letzten Romane es waren, die ja auch weniger umfangreich waren. Alles fügt sich zu einem sehr schlüssigen Ganzen, bei dem ich mir nie sicher war, wie die Geschichte weitergehen würde, welchen Ausweg aus welchem Konflikt seine Figuren finden könnten. „Maschinen wie ich“ hat mich mitgerissen und überzeugt.

Ian McEwan: Maschinen wie ich, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Diogenes Verlag, 2019, 416 Seiten.

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