Begegnungen in der Nacht – Ali Smith: Im Hotel

Seit der Lektüre von Ali Smiths „Beides sein“ bin ich ein Fan der schottischen Schriftstellerin. Sie hat eine besondere Art zu schreiben, schert sich nicht um Erwartungen und bei ihr geht es immer genauso sehr um die Form wie um den Inhalt, wenn nicht sogar mehr. So üben ihre Bücher immer eine große Faszination auf mich aus, wenn ich auch nicht immer gleichermaßen mit ihnen zurechtkomme.

„Im Hotel“ erschien bereits 2001 und spielt Ende der 90er Jahre in einem schottischen Luxushotel. Vor kurzem verunglücklichte dort eine junge Angestellte tödlich, als sie versuchte, in den Speisenaufzug zu klettern, der ihr Gewicht nicht aushielt. Ihr Geist ist noch nicht bereit, zu gehen und so spukt sie im Hotel herum und erzählt uns, wie sie gewesen ist.

Weitere Frauen bevölkern das Hotel und somit die Geschichte. Da ist eine Obdachlose, die vor dem Hotel bettelt, und der die Rezeptionistin Lise ein Zimmer für die Nacht anbietet. Eine Journalistin namens Penny checkt im Hotel ein und schließlich begegnen wir noch Clare, der Schwester der Verstorbenen, Sara. Clare versucht herauszufinden, warum und wie genau Sara gestorben ist, und mehr noch, zu verstehen, warum das geschehen ist oder geschehen musste.

Ich habe mich im „Im Hotel“ schwerer getan als mit den Romanen „Beides sein“ und „Es hätte mir genauso“, ohne dass mir ganz klar wäre warum, und so suche ich die Schuld dafür auch komplett bei mir selbst (wie es sich für einen Fan gehört). Denn Smith schreibt wie gewohnt souverän und sprachlich auf hohem Niveau, verleiht jeder ihrer Protagonistinnen eine eigene Stimme und beschäftigt sich überzeugend mit Themen wie Einsamkeit und Trauer. In ihrer Geschichte treffen Frauen aufeinander, die aus verschiedenen Schichten, ja, aus verschiedenen Welten kommen und sie beschreibt, wie die Frauen damit umgehen. So wird diese Nacht zu einer besonderen für die Frauen.

Schwer getan habe ich mich diesmal mit dem Aufbau des Romans, in dem jeder Frau ein Kapitel gewidmet ist, bevor es mit der nächsten weitergeht. Sicherlich ist hier alles ineinander verschachtelt, dennoch empfand ich die einzelnen Erzählstränge als merkwürdig voneinander separiert und nicht so organisch ineinandergreifend, wie es bei den vorherigen Romanen, die ich von ihr gelesen habe, der Fall war.

Wahrscheinlich hat mich „Im Hotel“ im falschen Moment erwischt, ich nehme mir vor, den Roman irgendwann noch einmal zu lesen und hoffe, ihn dann komplett würdigen zu können. Bis dahin möchte ich dazu ermutigen, diese so interessante und talentierte Autorin zu lesen. Im Oktober erscheint mit „Herbst“ im Luchterhand Verlag der erste Roman ihres „Seasonal Quartets“, dem ich schon sehr entgegenfiebere.

Auch auf schiefgelesen wurde der Roman besprochen.

Ali Smith: Im Hotel, aus dem Englischen von Silvia Morawetz, btb Taschenbuch Verlag, 2015, 256 Seiten

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2 Antworten zu Begegnungen in der Nacht – Ali Smith: Im Hotel

  1. soerenheim schreibt:

    Eine Freundin hat mir zuletzt Autumn mitgegeben… tolles Buch, sehr schöner stil, komplex aber ungezwungen… seitdem habe ich zwei Romane in Übersetzung versucht, aber das ist so ein krasser Verlust… How to be Both hat Binnenreime am Anfang, ganz viele, die Übersetzung ignoriert das meiste & schafft es nicht mal im Ansatz, die Sprachmelodie nachzuempfinden… oder wie es besagte Freundin fasst: Smiths Komplexität kommt im Englischen immer noch sehr leichtfüßig daherkommt, im Deutschen schnell behäbig und zäh. Im Hotel klingt interessant, wenn Geld dafür da ist, werd ich mit das Original bestellen.

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    • letteratura schreibt:

      Das ist ein guter und interessanter Hinweis, vielleicht lohnt es sich hier ja tatsächlich, es mal im Original zu versuchen, ich bin immer ein wenig davor zurückgeschreckt, gerade wegen der Komplexität.

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