Ein Sommer der Verluste – William Kent Krueger: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Der US-amerikanische Schriftsteller William Kent Krueger hat sich bisher mit Krimis einen Namen gemacht. „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ ist sein erster literarischer Roman. Dieser beinhaltet auch Krimielemente – es gibt mehrere Todesfälle, die teils Rätsel aufgeben -ist thematisch aber viel weiter gefächert und erfüllt alle Ansprüche an einen belletristischen Roman.

Erzählt wird der Roman aus der Sicht des 13-jährigen Frank. Er ist Sohn eines Methodistenpfarrers. Die Familie lebt in der kleinen Stadt New Bremen in Ohio, zu ihr gehören außerdem noch Franks Mutter Ruth, sein 2 Jahre jüngerer Bruder Jake und Ariel, seine ältere Schwester, die bald aufs College gehen wird. Ruth und Ariel kümmern sich in den sonntäglichen Gottesdiensten, die der Vater hält, um die Musik, beide sind sehr musikalisch. Der 11-jährige Jake stottert, sobald er mit Leuten außerhalb der Familie reden soll und schweigt daher meist. Frank ist ein neugieriger Teenager, der sich in seiner Abenteuerlust oft über die Verbote seiner Eltern hinwegsetzt und sich dabei durchaus auch in Gefahr begibt.

Wir schreiben das Jahr 1961. Gleich zu Beginn erzählt der inzwischen längst erwachsene Frank uns Lesern, dass dieser Sommer ein besonderer war, denn es starben mehrere Personen in New Bremen, auf unterschiedliche Art und Weise. Einer der Todesfälle wird Franks Familie besonders treffen und in ihren Grundfesten erschüttern.

„Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ ist ein Zitat aus dem Roman (Originaltitel: „Ordinary Grace“), der einen einzelnen Moment einfängt, statt das gesamte Geschehen zu umreißen. Franks Familie wird das Glück nach dem Sommer 1961 erst wieder suchen müssen. Dennoch ist der Roman nicht nur traurig, sondern so vieles mehr. Kruegers ganz besondere Erzählweise hat mich von Beginn an in ihren Bann gezogen. So viele Zwischentöne haben Platz, von Verzweiflung bis zu Zuversicht, in manchmal leichtem bis grenzenlos schwerem Erzählton. Die Sprache ist dabei meist einfach, wobei Krueger immer wieder wohldosiert Bilder und Metaphern einflicht, die stets auf den Punkt treffen.

„Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ ist ein hochatmosphärisches Buch, einer dieser Romane, in denen man den Sommer und die Hitze am eigenen Leib zu spüren bleibt. Einer, in dem die Charaktere in kürzester Zeit zum Leben erwachen, so gekonnt zeichnet der Autor sie mit ihren Stärken und Schwächen. Im Mittelpunkt steht ganz klar Frank, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Die Geschichte wird gänzlich aus seiner Perspektive erzählt. Ein netter Kniff ist dabei, dass Frank eine Möglichkeit findet, Gespräche der Erwachsenen, die ganz und gar nicht für seine Ohren bestimmt sind, zu belauschen, so dass unser Bild des Geschehens erweitert wird. Teilweise ist die Einordnung des Geschehens für den 13-Jährigen schwer und mehrfach steht er vor der Frage, ob und wie er handeln muss, ist überfordert. Sein erwachsenes Ich, das aus der Gegenwart heraus von diesem Sommer berichtet, ordnet manches behutsam ein, hält sich aber insgesamt eher bedeckt, so dass auch die Spannung aufrecht erhalten bleibt.

Krueger schafft es, einige Themen in seinem Roman unterzubringen. Er schreibt von der Religion und wie sie den einen zu retten, den anderen zu zerstören scheint. Er widmet sich auch der Geschichte der Indianer. Alles fließt organisch in seine Geschichte ein, ohne sie zu überfrachten. Freundschaft, Liebe, Familie, auch der Krieg, in dem Franks Vater gedient und der sein Leben und ihn selbst unwiederbringlich verändert hat, spielen immer wieder eine Rolle. „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ ist ein atmosphärisch dichter, poetischer, gut und spannend erzählter Roman, der berührt und unterhält. Ein Buch, durch das ich nur so gerast bin, immer in der Angst, bald am Ende anzukommen und die Protagonisten wieder verlassen zu müssen. Viel zu schnell war das der Fall. Ich empfehle diesen Roman sehr.

William Kent Krueger: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, Piper Verlag, 2019, 416 Seiten

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4 Antworten zu Ein Sommer der Verluste – William Kent Krueger: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

  1. thursdaynext schreibt:

    Wenn du so schwärmst, muss ich den Roman lesen, klingt sehr verlockend, danke dir.

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  2. fraggle schreibt:

    Mir geht es da ganz ähnlich: Herzlichen Dank für den Tipp!

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