Beziehung auf dem Prüfstand – Andrea De Carlo: Das wilde Herz

Der 1952 in Mailand geborene Schriftsteller Andrea De Carlo hat mit früheren Romanen in Italien so etwas wie einen Kultstatus erreicht, Romane wie „Creamtrain“ und „Zwei von zwei“ waren Bestseller. Auch ich habe De Carlos Romane immer gern gelesen. Meist geht es bei ihm um Beziehungen. Der 2015 bei uns erschienene Roman „Villa Metaphora“, der mehr als 1000 Seiten umfasst, ist eine Abrechnung mit der High Society. Das viel umfangreichere Buch war mir damals kaum zu lang, während De Carlos neu in Deutschland erschienene Roman „Das wilde Herz“ deutlich weniger Seiten umfasst und trotzdem auf die Hälfte hätte gekürzt werden können.

Die Italienerin und Künstlerin Mara ist seit ein paar Jahren mit dem Engländer Craig verheiratet, einem Anthropologen, der entlegene Gegenden besucht, alle möglichen Völker studiert und auch eine eigene Fernsehsendung hat. Die Sommer verbringen die beiden in ihrem Ferienhaus in Italien, wo Craig gleich zu Beginn des Romans bei einer Begehung des Hausen durch das Dach stürzt und fortan für eine gewisse Zeit verletzt und gehandicapt sein wird. Auf der Suche nach Handwerkern, die das Dach in Ordnung bringen, stoßen die beiden auf Ivo, den Craig ungehobelt und zwielichtig findet und den er wie aus Prinzip erst einmal verdächtigt, ihn übers Ohr hauen zu wollen, während Mara sich zunächst eher aufgeschlossen-neutral gibt. Mit der Zeit wird sich das ändern.

„Das wilde Herz“, übrigens eine Bezeichnung Craigs aus einem seiner Bücher, die er für ein „Primärbedürfnis des Überlebens und der Arterhaltung“ fand, wird abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptfiguren erzählt, so dass der Leser einen tiefen Einblick bekommt in die Gedanken und die Gefühlswelt der Protagonisten. Auch werden sie durch diese Erzählweise genauestens charakterisiert. Die Handlung schreitet allerdings eher langsam voran, da De Carlo sich viel Zeit nimmt, die jeweilige Gefühlslage des gerade Handelnden vor dem Leser auszubreiten. Nach und nach wiederholen sich denn auch die Gedanken und vor allem die rhetorischen Fragen, die sich die Protagonisten wieder und wieder nur leicht abgewandelt stellen. Auf die Dauer wird das leider sehr ermüdend.

Zudem fand ich den Charakter Craigs nicht leicht zu ertragen. Er fühlt sich eigentlich allen anderen überlegen, analysiert jede Unterhaltung, die er führt und glaubt, jeden mit seinem anthropologischen Wissen zu durchschauen, das dann auch bei jeder Gelegenheit vor dem Leser ausgebreitet wird. Zwar scheint manchmal etwas Selbstkritik durch, doch alles in allem wirkt er ziemlich selbstgerecht, ist ständig mürrisch und schlecht gelaunt. So richtig versteht man nicht, was ihn mit Mara verbindet, jedoch ist ihre Beziehung sowieso in einer Krise, wobei unklar ist, ob Craigs Affäre mit einer Studentin der Auslöser oder nur ein Symptom dieser Krise war.

Obwohl ich „Das wilde Herz“ sehr geschwätzig fand und mich die vielen Wiederholungen gestört haben, habe ich den Roman dennoch beendet, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte um Mara, Craig und Ivo ausgeht und sich der Roman zügig weglesen ließ. De Carlo schreibt erneut über Beziehungen, über das, was wir uns wünschen vom anderen, was uns glücklich macht oder womit wir nicht glücklich werden können. So schien das, was mir früher an diesem Autor gefiel, durchaus ab und zu durch. Überzeugen konnte mich „Das wilde Herz“ leider nicht. Zur Lektüre empfehlen würde ich daher eher seine frühen Romane.

Andrea de Carlo: Das wilde Herz, Diogenes Verlag, 2019, 464 Seiten

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