Neu anfangen – Deborah Levy: Was das Leben kostet

„Man ist immer irrealer als die anderen“ 
Marguerite Duras

Diesen Satz stellt Deborah Levy ihren Erinnerungen voraus. Sie scheinen das Nachfolgende gut einzukreisen, einen Eindruck zu verschaffen von dem Lebensgefühl Deborah Levys in der Phase ihres Lebens, über die sie in „Was das Leben kostet“ schreibt. Eine Phase, in der sie sich ganz neu sortieren muss.

Levy ist um die 50, als sich ihr Leben radikal ändert, durch einen so gewöhnlichen wie existenziellen Einschnitt: Das Ende ihrer Ehe. Plötzlich ist alles anders, Levy zieht aus dem gemeinsamen Haus aus, in dessen Einrichtung sie so viel Energie gesteckt hatte, muss bemerken, dass auch der Auszug und das Auseinandergehen unheimlich viel Anstrengung und Energie kosten – oder wohl eher noch mehr als es beim Einzug der Fall war, der schließlich unter anderen Voraussetzungen geschah. Mit ihren Töchtern zieht sie in den 6. Stock eines Hochhauses mit deprimierenden, unheimlichen Fluren. Die Ältere ist nur noch sporadisch da, sie studiert, und Levy hat plötzlich die gesamte Verantwortung, für sich, für die Töchter, dafür, dass Essen auf den Tisch kommt und Rechnungen bezahlt werden. Sie muss sich nun um alles alleine kümmern und fördert eine unglaubliche Energie zutage. Weil sie muss.

Deborah Levys autobiographisches Buch „Was das Leben kostet“ umfasst gerade einmal 154 Seiten, auf denen sie ihre Gedanken, ihre Schilderungen sehr konzentriert und pointiert zum Ausdruck bringt. Sie erzählt davon, wie sie sich ein E-Bike zulegt und damit durch London fährt, wie sie schließlich ein Gartenhaus von einer Bekannten zur Verfügung gestellt bekommt, um dort schreiben zu können – in der neuen Wohnung hatte sie dafür kaum Platz. Das Häuschen teilt sie mit der Asche des Mannes ihrer Bekannten, hat dort aber ein eigenes Reich für sich, schreibt dort einen Roman.

Es sind die sehr genauen Beobachtungen der Autorin, die dieses Buch so lesenwert machen. Da ist der Bekannte, der seine Frau nie beim Namen nennt, immer nur ist sie „seine Frau“, als wäre sie sein Besitz. Erst wenn er sich trenne, so stellt Levy fest, nenne er seine Exfrauen beim Namen. Sie beobachtet eine andere Beziehung in ihrem Umfeld, in der der Mann seine Frau niemals direkt ansieht, immer an ihr vorbeischaut und sie überlegt, was der Grund dafür sein könnte. Befürchtet er am Ende, es könne offensichtlich sein, dass er sie liebt? Oder hat sein Verhalten doch eher andere, negative Gründe, wie man zuerst denken würde? Levy ist in ihren Beobachtungen sehr genau, gleichzeitig aber auch feinfühlig, interpretiert nicht zu viel hinein. Es ist eine Freude, das zu lesen, sprachlich geschliffen und in seiner Kürze sehr auf den Punkt.

Sie setzt sich neu mit ihren Rollen auseinander: Sie ist die Exfrau, sie ist die Mutter und vor allem ist sie die Tochter, die vollends aus dem Gleichgewicht gerät, als ihre Mutter stirbt. Die eindrücklichsten Passagen in „Was das Leben kostet“ waren für mich jene, in denen sie beschreibt, wie sie der Mutter auf dem Weg ins Krankenhaus, in dem diese bald sterben wird, in einem kleinen Laden Wassereis kauft, das einzige Eis, das diese noch zu sich nehmen kann, und wie es sie völlig aus der Bahn wirft, als es einmal kein Eis mehr in der von der Mutter bevorzugten Geschmacksrichtung gibt.

Wer weiß, ob Levy in „Was das Leben kostet“ wirklich alles genauso schildert, wie es sich zugetragen hat. Und im Prinzip ist das auch zweitrangig, denn das Bild, das die Autorin von ihrem Leben zeichnet, ist in sich stimmig und aussagekräftig. Es ist das Bild einer starken Frau in mittleren Jahren, die sich noch einmal neu erfinden muss und die feststellt, das genau das möglich ist. Dass Deborah Levy eine überzeugende Autorin ist, hat sie nicht zuletzt in ihrem für den Man Booker Prize nominierten Roman „Heiße Milch“ gezeigt. Hier wird es erneut deutlich.

Deborah Levy: Was das Leben kostet, Hoffmann & Campe Verlag, 2019, 160 Seiten

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3 Antworten zu Neu anfangen – Deborah Levy: Was das Leben kostet

  1. Xeniana schreibt:

    Ich fand dieses Buch grandios. Es enthält so viel Mut, Weiblichkeit, Stärke, Unangepasstheit. Deborah Levy war für mich die Entdeckung dieses Jahres.

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