Brüsseler Absurditäten – Robert Menasse: Die Hauptstadt

Robert Menasses 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman „Die Hauptstadt“ wartete schon sehr lange darauf, endlich von mir gelesen zu werden, doch immer wieder zog ich andere Lektüre vor. Obwohl ich längst Gegenteiliges gehört und gelesen hatte, erwartete ich dann irgendwie doch ein trockenes Buch über Brüsseler Bürokratie und konnte mir nicht recht vorstellen, wie das gehen sollte über mehr als 450 Seiten. Und was sollte das Schwein, das so oft erwähnt wurde? Ein Schwein, das durch Brüssel rennt, keiner weiß, wo es herkommt, wem es gehört, soll das etwa witzig sein? Es soll. Und es ist.

An diesem Wochenende ist Europawahl, eine „Schicksalswahl“, wie es immer heißt, was lag da also näher, „Die Hauptstadt“ endlich zur Hand zu nehmen? Menasse ist ein sehr kurzweiliger, intelligenter und lustiger Roman gelungen, der den Buchpreis in meinen Augen verdient hat.

Allerdings ist es nicht ganz leicht, den Inhalt zusammenzufassen. Da ist einmal Fenia Xenopoulou, deren Karriere an der Stelle einen Knick gemacht hat, als man ihr das Kultur-Kommissariat überließ, das niemand so richtig ernst nimmt in Brüssel, das man aber bei einer Griechin (einer Zypriotin? einer griechischen Zypriotin oder einer zypriotischen Griechin?) in besten Händen wähnt, schließlich wurde Griechenland mit so viel Subventionen von der EU überschüttet, dass jemand von dort gefälligst nehmen muss, was er / sie kriegen kann. Fenia verliebt sich zu allem Überfluss in ihren Kollegen Kai-Uwe Frigge, obwohl sie an das Konzept der romantischen Liebe eigentlich gar nicht glaubt. Martin Susmann kommt aus einer Familie von Landwirten und gerät immer wieder mit seinem älteren Bruder aneinander, der den elterlichen Hof übernommen hat und der der Meinung ist, dass Martin endlich in seinem Sinne an den Brüsseler Rädchen drehen müsse, damit er mit seiner Schweinezucht die großen Geschäfte mit China machen kann.

David de Vriend ist einer der letzten Holocaustüberlebenden, der zu Beginn des Romans in ein Seniorenheim umzieht, wo er regelmäßig von seiner Aufpasserin im Krankenhaus-Plural angebrüllt wird und eigentlich nur seine Ruhe haben will. Allerdings ist man im europäischen Parlament auf ihn aufmerksam geworden und will ihn gern als Ehrengast für ein Projekt gewinnen, das den bevorstehenden EU-Geburtstag als Auschwitz-Gedenktag feiern möchte, eine Idee, die zum Scheitern verurteilt ist. Und dann treten noch ein religiöser Auftragsmörder und ein kranker Polizist auf, der den missglückten Mord des Killers erst aufdecken, dann aber schnell wieder vergessen soll, dass es überhaupt einen Toten gab.

Menasse schreibt über all diese und noch ein paar mehr in hohem Tempo, mit Witz und Können, verliert nie den Faden in dem ganzen Wirrwarr und hat seine Geschichte stets im Griff. Die ganze Absurdität, die überbordende Bürokratie, das Gemauschel hinter den Kulissen bringt er mit Leichtigkeit zum Ausdruck, immer ein bisschen „drüber“, und doch meint man zu spüren, dass hier eben doch ein überzeugter Europäer am Werke ist. Seine Figuren sind dabei gleichzeitig karikaturhaft und doch menschlich und überzeugend. Sprachlich ausgefeilt und doch nie trocken zu lesen – na ja, fast nie, es gab ein paar Stellen, an denen ich ob der dargestellten bürokratischen Details kurz das Durchhaltevermögen zu verlieren drohte, aber das waren erstens nur kurze Passagen bzw. Momente und zweitens handelt es sich dabei ganz eindeutig um eine persönliche Schwäche.

Obwohl „Die Hauptstadt“ das europäische Parlament nicht von seiner besten Seite zeigt, ist der Roman dennoch pro-europäisch, auch wenn Menasse Ernst oft vermissen lässt – obwohl es die ernsten, feinfühlig erzählten Stellen auch gibt und er hier einmal mehr zeigt, dass er ein guter Erzähler ist. Bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Wahl genau das auch sein wird: Das Gegenteil einer Abwendung vom europäischen Gedanken, sondern ein JA zu Europa, mit allen Schwächen und Problemen, die die EU hat.

Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 459 Seiten

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7 Antworten zu Brüsseler Absurditäten – Robert Menasse: Die Hauptstadt

  1. thursdaynext schreibt:

    Oh, an dem bin ich gescheitert, falsche Zeit oder weshalb auch immer, ich kam nicht rein und habe die Lust verloren. Aber vlt. versuche ich es mal als Hörbuch? Wenn es dir so gut gefiel kann es mir eigentlich fast nicht nicht gefallen. ;)

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    • letteratura schreibt:

      Ich weiß nicht, manchmal ist das so ;) Ich hab mich gegen Ende etwas schwer getan, aber ich glaube, das lag an mir :) Hörbuch ist eine gute Idee, aber auch wenn nicht, nicht jeder muss schließlich alles gelesen haben. Oder mögen. Ich kann auch verstehen, wenn man mit dem Roman nicht warm wird.

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