Zwischen Verpflichtung und Verrat – Mahir Guven: Zwei Brüder

Für seinen Debütroman „Zwei Brüder“, gerade im Aufbau Verlag erschienen, hat der 33-jährige französische Autor mit türkisch-kurdischen Wurzeln Mahir Guven 2018 den Prix Goncourt für den besten Debütroman erhalten. Und das völlig zu Recht.

Die zwei Brüder, die im Mittelpunkt stehen, leben in einer der armen Pariser Vorstädte, von denen in den letzten Jahren immer wieder in den Medien zu hören und zu lesen war: Vororte mit einem hohen Migrantenanteil, sozial schwach, mit hoher Kriminalitätsrate: Es ist schwer, es von hier aus zu etwas zu bringen. Dennoch hat der Vater der beiden, der „Daron“, wie er im Roman stets genannt wird, der „alte Herr“, alles versucht, um seinen Söhnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Mutter der beiden, eine Französin, ist schon lange tot, der Vater arbeitet als Taxifahrer, genauso wie der ältere Sohn. Beide haben mit Religion wenig bzw. gar nichts am Hut, der Vater versteht sich eher als politisch links stehender Atheist, der ältere Sohn ist so etwas wie ein moderater Muslim. Doch der jüngere Bruder wendet sich stark der Religion zu, findet in ihr eine Stütze und Antworten auf seine Fragen und Nöte. Schließlich verlässt er Paris. Keiner spricht es aus, doch alle scheinen es sicher zu wissen: Er kämpft in Syrien. Lange Zeit gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Bis er schließlich wieder auftaucht. Doch warum? Was hat er vor? Und was hat er die ganze Zeit über getan?

Erzählt wird Guvens Roman abwechselnd aus der Perspektive der beiden Brüder. Der Ältere bekommt dabei mehr Raum, er lässt uns Leser sehr schnell eintauchen und teilhaben an seinem Leben, das immer auch ein Kampf ist. Die meiste Zeit verbringt er in seinem Taxi, hat gelernt, seine Fahrgäste schnell einzuschätzen und bissige Kommentare, wo sie vielleicht – zumindest in seinem Verständnis – angebracht wären, herunterzuschlucken. Es scheint selbstverständlich, dass er bereits mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, und schließlich arbeitet er auch mit der Polizei zusammen, die von ihm Hinweise erwartet auf alles, was sich an kriminellen Machenschaften in seinem Dunstkreis so anbahnt. Die Wohnung, den Job, die Freundin, ob er sie nun liebt oder nicht, das alles hat er sich hart erarbeitet. Und er weiß, er kann es schnell wieder verlieren. Es ist ein anstrengendes Leben.

Der jüngere Bruder dagegen erzählt davon, wie und warum er Frankreich verließ. Wie ihn seine Arbeit als Krankenpfleger nicht mehr erfüllte und was er schließlich erlebte in Syrien, wie er immer weiter hineinrutschte in etwas, dessen Ausmaße ihm nur langsam bewusst wurden. Guven macht das sehr geschickt, lässt den Leser immer ein wenig im Unklaren über den innersten Antrieb seines Protagonisten. So entsteht ein sehr lebhaftes, wenn auch etwas unscharfes Bild eines zerrissenen Charakters, den man am Ende bei aller Verwirrung und Verachtung auch ein Stück weit verstehen kann. Das ist in meinen Augen große Kunst.

Der gesamte Roman hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Zu Beginn haderte ich noch ein wenig mit einigen Begriffen, kam mir das immer wieder auftauchende „Brudi“ seltsam unorganisch und fehl am Platz vor, empfand ich die Sprache als etwas bemüht. Doch das waren nur Anfangschwierigkeiten, die Übersetzung von André Hansen ist sehr gut gelungen. Er fängt den Straßenjargon gut ein, den Guven seine Protagonisten sprechen lässt, diesen authentisch wirkenden Sound. Da geht es auch mal ziemlich derb und explizit zu.

Bei all dem, bei den Versuchen der Brüder, in einem rauen Viertel zu überleben, wobei beide in letzter Konsequenz sehr unterschiedliche Entscheidungen treffen, berührt die Geschichte immer da, wo deutlich wird, wie eng das Band zwischen den Brüdern, wie eng es generell in dieser Familie ist. Wie groß das Dilemma ist, in das der große Bruder gerät, als der Jüngere plötzlich zurückkommt, denn ist es nicht seine brüderliche Pflicht, ihm zu helfen? Mahir Guven zeigt uns den Zusammenhalt in dieser Außenseiterfamilie sehr überzeugend und damit auch auf genereller Ebene, was ein Leben in Europa als Einwanderer aus Ländern des Nahen Osten bzw. aus Nordafrika heutzutage bedeuten kann. Da schwingt unheimlich viel mit an Bemühungen und Frustration, an Einschränkungen und Ungerechtigkeit.

„Zwei Brüder“ ist ein sehr eindringliches und fesselndes Debüt um Bruderliebe, Familie und Verpflichtungen, um ständigen Kampf um Anerkennung, um Religion und Orientierungslosigkeit. Schonungslos und auf den Punkt. Ein herausragendes Debüt.

Mahir Guven: Zwei Brüder, Aufbau Verlag, 2019, 282 Seiten

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