Nachdenken über die Liebe – Julian Barnes: Die einzige Geschichte

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“  S. 11

Paul ist 19, als er sich in die viel ältere Susan verliebt. Sie begegnen sich im Tennisclub, werden zu einem gemischten Doppel zusammengelost, spielen gemeinsam ein Turnier. Schnell wird es ihm zur Gewohnheit, sie nach Hause zu fahren und irgendwann werden sie ein Paar. Susan ist verheiratet und hat zwei Töchter, die fast in Pauls Alter sind. Dennoch bleiben sie viele Jahre zusammen. Für Paul ist diese Liebesgeschichte seine einzige Geschichte, diejenige, die am Ende erzählt. Und vielleicht auch für Susan.

Und nun befindet er sich quasi „am Ende“, denn er erzählt seine Geschichte als alter Mann. Susan lebt nicht mehr, und Paul ist allein, denn nach seiner Beziehung zu Susan gab es zwar andere Frauen, doch nichts ging ähnlich tief, keine blieb bei ihm oder er bei ihr. Paul scheint nicht unzufrieden damit und um diese späteren Beziehungen geht es hier auch nicht. Es geht einzig um Pauls Beziehung zu Susan.

Julian Barnes lässt seinen Erzähler in „Die einzige Geschichte“ vor allem viele Fragen stellen, viele Gedanken zur Liebe äußern. Er verwirft, reflektiert, umkreist diese Gedanken immer wieder. Während anfangs noch die Beziehung zwischen Paul und Susan, ihr Zusammenkommen, ihre Wirkung auf die Außenwelt, im Mittelpunkt steht, verschiebt sich das mehr und mehr. Den glücklichen Jahren folgen denn auch schmerzliche, als Susan Alkoholikern wird. Paul fühlt sich verantwortlich, glaubt, es sei ein Liebesbeweis, dass er bei ihr bleibt, obwohl die Beziehung leidet und wohl schon lange zum Scheitern verurteilt ist, bevor sie wirklich zerbricht. Mehr und mehr wird der Roman zu einem inneren Monolog, wiederholen sich Pauls Überlegungen. Mehr und mehr wird deutlich, dass Pauls einzige, von ihm so überhöhte Geschichte, eigentlich eine ziemlich gewöhnliche ist – sieht man vom Altersunterschied zwischen Paul und Susan einmal ab, vor allem zu der Zeit, zu dem der Roman spielt. Zu etwas Besonderem wird die Geschichte nur von innen betrachtet, aus der Sicht derjenigen, die sie leben. Das scheint eigentlich ganz logisch. Doch so recht gelingt es Barnes es nicht, mir genau dies zu vermitteln und es mich miterleben zu lassen.

Während ich anfangs noch einigermaßen mitgefiebert habe, wurde die Lektüre mit der Zeit immer weniger fesselnd. Schon zu Beginn ist es so, dass die Beziehung zwischen den beiden eher auf intellektueller Ebene erläutert wird, als dass ich sie wirklich mitfühlen kann. Ich konnte kaum nachempfinden, was die beiden zusammengeführt und aneinander angezogen hat. Mit der Zeit kam noch hinzu, dass ich die Überlegungen des Ich-Erzählers immer weniger interessant empfand, dass ich das Gefühl hatte, er drehe sich im Kreis, er wolle etwas um jeden Preis verstehen, was ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr zu verstehen ist. So wirkte der Roman mit der Zeit auf mich zu verkopft, als dass ich wirklich mitfiebern konnte, obwohl Barnes viel Wahres schreibt und seinen Protagonisten vieles erkennen lässt – das Meiste davon zu spät.

Vielleicht wecken der Titel und die Buchbeschreibung falsche Erwartungen – mir jedenfalls ging es so. Man kann Barnes’ Gedankenspiele mitspielen und darüber streiten, ob es stimmt, dass jeder nur eine wahre (Liebes-)Geschichte zu erzählen hat, oder vielleicht doch mehrere, ob sich das vielleicht erst am Ende eines Lebens wirklich beurteilen lässt. Ob die eine Geschichte alle anderen daneben wertlos aussehen lässt. Aber das Besondere an Pauls Geschichte hat mich kaum erreicht.

„Die einzige Geschichte“ wird von allen Seiten sehr gelobt, ich habe tatsächlich fast nur positive Besprechungen gefunden. Barnes kann zweifellos schreiben, womöglich stimmt hier einfach die Chemie zwischen Autor und Leserin nicht. Mich hat Barnes ziemlich kalt gelassen, auch wenn seine Konstruktion kunstvoll sein mag. Eine positivere Besprechung findet sich auf Literaturleuchtet.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2019, 304 Seiten

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.