Die absurde Welt der Superreichen – Kevin Kwan: Crazy Rich Asians

Im letzten Sommer kam der Film „Crazy Rich Asians“ in die Kinos, in Deutschland unter dem Titel „Crazy Rich“, was vermutlich auf spezielle Marketingüberlegungen zurückzuführen ist. In der ZEIT wurde darüber spekuliert, dass man den Film möglicherweise für den deutschen Markt „ent-asiatisiert“ habe, weil man davon ausging, dass man so ein größeres Publikum ansprechen würde. Tatsächlich machte der Film gerade deshalb – auch in den USA – Schlagzeilen, weil es sich bei ihm um einen Hollywoodfilm handelt, der gänzlich ohne weiße Schauspieler auskommt. Alle Mitwirkenden haben asiatische Wurzeln. In den USA war der Film sehr erfolgreich, bei uns weniger, allerdings wurde er auch nicht so groß beworben und in weniger Kinos gezeigt. Ich habe bisher nur den Trailer gesehen und kann daher den Film nicht beurteilen, wohl aber die Romanvorlage, die heute bei Kein und Aber erscheint. Dieser Roman macht richtig Spaß.

Wirtschaftsdozent Nick Young lebt mit seiner Freundin Rachel Wu in New York. Zu Beginn der Geschichte lädt er sie ein, den Sommer mit ihm in Asien zu verbringen. Sein bester Freund heiratet und außerdem ist es zwischen Rachel und Nick ziemlich ernst. Er möchte sie seiner Familie vorstellen. Rachel freut sich auf die vor ihr liegenden Wochen, auf Nicks Familie und Freunde, die sicher genauso nette, herzensgute Menschen sind wie ihr Freund. Sie hat keine Ahnung, dass Nicks Familie reich ist. Nein, sie ist nicht reich, sie ist superreich. Sie ist absurd, unvorstellbar reich, wie sich zeigen wird. Rachel dämmert das schon recht bald, spätestens aber, als sie zum Essen ins riesige Anwesen von Nicks Großmutter eingeladen wird. Mitten im dicht besiedelten Singapur befindet es sich, in Google Maps nicht zu finden. An diesem Abend geht es auch schon los: Alle begutachten Rachel kritisch, schnell hat man herausgefunden, dass sie zwar Rachel Wu heißt, aber eben nicht zu den Wus, einer bekannten und wohlhabenden Familie gehört. Ja, Rachels Mutter mag Chinesin sein, dennoch steht es nicht zur Debatte, dass Nick, der, wie Rachel bald herausfinden wird, so etwas wie Asiens begehrtester Junggeselle ist, eine Frau wie Rachel heiratet. Ohne Stammbaum. Ohne Geld. Schnell ist man sich sicher, dass sie bloß hinter Nicks Geld her sein kann. Vor allem Nicks Mutter tut alles, um zu verhindern, dass Nick seiner Freundin einen Heiratsantrag machen könnte. Und dabei wird mit schmutzigen Mitteln gearbeitet.

Kevin Kwan kommt selbst aus einer wohlhabenden asiatischen Familie und weiß, wovon er schreibt. In schneller Abfolge wechseln die Kapitel, widmet er sich seinen Figuren, allen voran Rachel und Nick, aber auch Nicks Cousine Astrid, deren Ehe in eine Krise gerät und Nicks Eltern (sein Vater verbringt die meiste Zeit in Australien und wenn man seine Frau erst einmal „kennengelernt“ hat, meint man auch genau zu wissen, wieso). Sowie noch einigen Figuren mehr, Nicks Freund Colin etwa, dessen Hochzeit ja der Anlass der Reise war und Nicks weitläufiger Verwandtschaft. Dankenswerterweise befindet sich vorn im Buch denn auch ein Stammbaum, den ich immer wieder konsultiert habe, um herauszufinden, wer denn da jetzt eigentlich mit wem wie verwandt ist.

Man mag immer wieder denken, dass Kwan zu dick aufträgt, doch ich fürchte, es ist in Wirklichkeit genauso oder noch schlimmer. Die Beschreibungen des Lebensstils der Youngs muten so absurd an, dass man als Normalsterblicher nur mit dem Kopf schütteln kann. Da jettet man um die halbe Welt, um in Paris für ein paar Millionen beim Juwelier einzukaufen, gibt einen zweistelligen Millionenbetrag für eine Hochzeit aus – und vor allem schaut man auf so ziemlich alle anderen herab. Nicht nur auf Amerikaner oder vermutlich auch Europäer, die aber kein Thema sind, nein, auch auf „Normalreiche“, Menschen, die ihr Vermögen nicht geerbt, sondern verdient haben, Menschen, die bloß ein paar mickrige Millionen besitzen – wie soll man von so wenig Geld ein angemessenes Leben führen? Für alles gibt es Regeln, welche Designer sind in und tragbar, welche gehen gar nicht. Kwan führt das alles genüsslich aus und vor, immer mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, was den Roman zu einer höchst unterhaltsamen Lektüre macht. Kurze Fußnoten erläutern immer wieder asiatische Begriffe oder Redensarten, oft geht es dabei um malaiische Spezialitäten, auch das Essen scheint ein sehr spezielles Thema zu sein unter superreichen Asiaten.

Kwan hält aber auch gekonnt die Balance in seinem Roman: Es gibt einige sehr unsympathische, hinterhältige, arrogante Figuren in seinem Buch, die, so vermute und befürchte ich, nicht einmal überzeichnet sind, er setzt diesen aber auch einige Sympathieträger entgegen, allen voran Rachel und Nick, aber auch einige andere, so dass das Verhältnis ausgewogen ist. „Crazy Rich Asians“ ist ein Roman zum Lachen und Mitfiebern, zum Staunen, auch zum Erzürnen über so viel Niederträchtigkeit. Es verwundert kaum, dass der Roman verfilmt wurde und dass Netflix gern eine Serie aus dem Stoff gemacht hätte, denn danach schreit er geradezu. Und es ist auch so, wie man vermutlich erwarten könnte, dass einige Wendungen alles andere als überraschend kommen und der Roman in Teilen ziemlich vorhersehbar ist. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass mich das jemals so wenig gestört hätte, wie bei diesem Buch.

„Crazy Rich Asians“ ist der erste Teil einer Trilogie. Teil 2 und 3 sind für November 2019 und Januar 2020 bei Kein und Aber angekündigt.

Kevin Kwan: Crazy Rich Asians, Kein & Aber Verlag, 2019, 576 Seiten

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2 Antworten zu Die absurde Welt der Superreichen – Kevin Kwan: Crazy Rich Asians

  1. thursdaynext schreibt:

    Muss her, danke dir. :)

    Gefällt 1 Person

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