Ein Anruf, der alles verändert – Sarah Moss: Gezeitenwechsel

Manchmal werden wir daran erinnert, durch Geschichten aus dem Freunden- oder Bekanntenkreis, durch Berichte in Zeitung, Fernsehen oder sozialen Medien, manchmal lässt uns etwas kurz innehalten, weil uns wieder ins Bewusstsein gerückt wird, wie schnell sich alles ändern kann. Mehr noch, wie schnell alles vorbei sein kann, das Leben, so wie wir es kennen. Spielt sich das Ereignis, die Krankheit, der Unfall, der tragische Zwischenfall nicht in unserem direkten Umkreis ab, sind diese Gedanken schnell wieder beiseite gewischt. Ein kurzes Aufatmen, da es uns nicht betrifft, Mitgefühl für die Betroffenen gepaart mit Erleichterung, und wir schieben diese trüben, deprimierenden Gedanken schnell beiseite.

In Sarah Moss’ Roman „Gezeitenwechsel“ ist das nicht möglich. Adam, Vollzeitvater zweier Töchter und Ehemann einer chronisch überarbeiteten Ärztin, erhält eines Tages einen Anruf: „Es ist etwas passiert.“ In Rekordzeit fährt er zur Schule seiner älteren Tochter Miriam, dort ist sie zusammengebrochen. Und von dort ins Krankenhaus, wo man Miriam durchcheckt. Sie hatte einen Atemstillstand, dem ein Herzstillstand folgte, und hätte man sie nicht so schnell gefunden, hätte sie nicht überlebt.

Plötzlich ist das so geregelte Leben ein anderes. Zunächst einmal verbringt die Familie viel Zeit im Krankenhaus, allen voran Adam, aber auch seine Frau Emma, die als Ärztin auch noch eine andere Sicht auf die Dinge hat. Rose, Miriams kleine Schwester, möchte sie am liebsten nicht besuchen, sowieso ist es schwierig, sie nicht zu kurz kommen zu lassen, als alles sich auf die 15jährige Miriam konzentriert.

„Gezeitenwechsel“ wird ausschließlich aus der Sicht Adams erzählt, und wir schauen sehr tief hinein in seine Gedanken und Gefühle, die komplett von der Sorge um seine Tochter bestimmt werden. Adam arbeitet von zu Hause aus, lehrt wenige Stunden an der Uni und arbeitet ansonsten an einem Artikel über den Neubau einer Kathedrale in Coventry. Wir Leser tauchen mit ihm ein in die Geschichte dieser Neukonstruktion, die uns immer wieder von der Haupthandlung wegführt. Und kurz durchatmen lässt. Genau wie Adam, der seinem Gedankenkarussell so wenigstens zeitweise entfliehen kann.

Wie Sarah Moss die Situation dieser Familie schildert, das ist sehr gelungen. Adam kämpft sehr mit seinen Ängsten um seine Tochter, möchte sie am liebsten keine Sekunde allein lassen – denn es kann sein, dass sie erneut zusammenbrechen wird. Die Situation hat ihm schmerzlich bewusst gemacht, dass es keine Garantie dafür gibt, dass er seine Kinder überleben wird. Miriam ist ein rebellischer, intelligenter Teenager, es gibt einige Dialoge zwischen ihr und den Erwachsenen, die von einem jugendlichen Pessimismus, aber auch von ihrer Klugheit – und ihrer eigenen Angst – zeugen. Auch Adams ständiges Zaudern und Hadern mit der familiären Situation ist glaubwürdig geschildert, die mangelnde Anerkennung durch seine Frau, aber auch durch Außenstehende für das, was er tut. Immer wieder gibt es Situationen, in denen deutlich wird, dass es nach wie vor die Ausnahme ist, wenn der Mann sich um Haushalt und Kinder kümmert, während Adam Emma kaum noch sieht und sie ständig müde und überarbeitet ist und gar keinen Kopf für Adams Bedürfnisse hat.

Wenn einem das ewige Hadern und die Ängstlichkeit Adams während der Lektüre irgendwann zu viel werden, dann erkennt man aber auch sogleich, dass dies einerseits nur allzu realistisch ist und dass andererseits nicht nur der Sorgende selbst, sondern auch sein Umfeld von seinen Ängsten erdrückt werden und unter ihnen leiden. Trotzdem kann Adam sie nicht abstellen. Er muss mühevoll lernen, mit ihnen zu leben, und sein neues Leben akzeptieren, wie es ist.

Sarah Moss ist hierzulande eher unbekannt, so meine Wahrnehmung. Nach „Zwischen den Meeren“, einem Roman, der ein völlig anderes Thema hat und dazu noch in einer anderen Zeit spielt, ist „Gezeitenwechsel“ mein zweiter Roman der Autorin, und er ist ihr ebenso gelungen. Möglicherweise neigt man dazu, ihre Bücher als leichter oder gar seichter einzuordnen, als sie es sind. Ich wünsche der Autorin hierzulande mehr Aufmerksamkeit und viele Leser.

Sarah Moss: Gezeitenwechsel, Mare Verlag 2019, 368 Seiten

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