Untergang eines Imperiums – Preti Taneja: Wir, die wir jung sind

Es ist ein ziemlicher Wälzer, den die junge Autorin Preti Taneja mit ihrem Roman „Wir, die wir jung sind“, erschienen im C.H. Beck Verlag, da vorgelegt hat. Und das ist nicht nur auf die Seitenzahl bezogen, auch sonst ist es ein gewichtiges Werk. Der Roman verlegt Shakespeares Tragödie „King Lear“ ins zeitgenössische Indien, man muss das Stück aber nicht parat haben, um den Roman lesen, verstehen und vor allem, um ihm etwas abgewinnen zu können.

Zu Beginn lernen wir Jivan kennen, der die letzten Jahre in den USA gelebt hat und nun zurückkehrt nach Delhi, an den Ort seiner Geburt. Er ist der Sohn von Ranjit Singh und dessen zweiter Frau, mit der zusammen er fortgeschickt wurde. Ranjit Singh ist Geschäftspartner und Mitinhaber eines gewaltigen Konzerns, dessen Oberhaupt (und somit die Entsprechung von King Lear) der alte Devraj ist und der nun in den Ruhestand gehen und sein Erbe verteilen möchte. Devraj selbst hat drei Töchter, Gargi, Radha und Sita, doch auch Ranjits Söhne wollen mitbedacht werden. Neben dem zurückgekehrten Ranjit ist da noch sein älterer Halbbruder Jeet. Diese nachfolgende Generation ist miteinander groß geworden, als Kinder haben sie miteinander gespielt, dennoch beginnt nun ein Kampf, den jeder gegen jeden zu führen scheint, in dem man sich nichts schenkt und an dessen Ende es, so viel darf verraten werden, fast nur Verlierer geben wird.

Die Erben haben dabei die Verhaltsweisen und die Geschäftspraktiken der älteren Generation von klein auf aufgesogen und finden die zweifelhaften Methoden, mit der das Vermögen angehäuft und gesichert wurde, ganz normal. Da wird sich viel so zurechtgebogen, dass es das Gewissen nicht belastet, und man seinen Luxus beruhigt weiterleben kann, auch wenn man weiß, dass Betrug und Brutalität an der Tagesordnung sind.

Taneja lässt in jeweils eigenen Kapiteln jeden der fünf Söhne und Töchter zu Wort kommen und erzählt chronologisch davon, wie im Prinzip alles den Bach runtergeht. Dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann, dürfte früh klar sein – auch ohne die bekannte Vorlage zu kennen.

Die Autorin schreibt dabei wortgewaltig, üppig, holt aus, schweift ab, sie macht es einem nicht immer leicht. Und auch, wenn sie immer ganz nah dran ist an ihren Figuren, kommen sie einem trotzdem nicht so richtig nahe, bleiben eher schablonenhaft. Das ist Kalkül und es schmälert auch das Lesevergnügen nicht vollends, dennoch ist man als Leser gefordert, um alles mitzubekommen, was Taneja uns präsentiert. Es gibt viele Verweise an andere Autoren und Werke – nicht nur an Shakespeare – doch auch hier gilt, dass man diese nicht (er)kennen muss, um an „Wir, die wir jung sind“ Vergnügen zu haben. Dennoch empfand ich die Lektüre mit der Zeit nicht mehr so leichtgängig, wie zu Beginn des Romans, wurde es schwieriger, am Ball zu bleiben, wobei dies aber belohnt wird.

Viel wurde geschrieben zu den zahlreichen Hindi-Ausdrücken, die teilweise im Glossar übersetzt werden, oftmals jedoch nicht. Taneja selbst erklärt in einem Interview, dass sie auf ihren Text vertraue und es sicher zahlreiche Leser gebe, die sich von zu vielen Erklärungen gestört fühlen würden. Das mag auf ein englisch-indisches Publikum zutreffen, jedoch dürften den wenigsten deutschen Lesern die nicht übersetzten Hindi-Wendungen geläufig sein. Ich habe sie oft überlesen und gehofft, dass sie zum Verständnis des Romans nicht notwendig sind, dennoch hätte ich Fußnoten hilfreich gefunden. Man habe nur Wendungen übersetzt, die in der deutschen Wikipedia nicht zu finden seien, heißt es auch, doch ich möchte bei der Lektüre nicht ständig das Buch zur Seite legen, um zu googeln.

„Wir, die wir jung sind“ ist ein ambitioniertes, differenziertes und sehr gut durchdachtes Werk, das von Talent zeugt, ein Roman, der bitterlich aufzeigt, welche Stellung Frauen nicht nur in der indischen Oberschicht auch heute noch haben. Auch Sita, die jüngste der drei Schwestern, die Ausreißerin, die sich den Vorstellungen des Vaters und der Schwestern nicht beugen will, kann ihre Herkunft und Erziehung nicht abschütteln. Taneja hat einen eindrücklichen, schwergewichtigen Gesellschaftsroman geschrieben und zeigt eindringlich auf, dass Shakespeares Themen auch heute noch aktuell sind. Ein herausfordernder Roman von einer Autorin, von der noch zu hören sein wird.

Preti Taneja: Wir, die wir jung sind, C.H. Beck Verlag, 2019, 629 Seiten

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