Das intellektuelle Leben – Amitava Kumar: Am Beispiel des Affen

Es sind die frühen 90er Jahre, als der junge indische Student Kailash nach New York kommt. Sofort taucht er ein in das amerikanische Leben am Campus, von dem er unbedingt ein Teil sein möchte. Einerseits geht es ihm dabei um den Umgang mit den anderen Studenten, darum, Teil einer intellektuellen Elite zu sein. Andererseits sind da immer auch die Frauen, die er zunächst ein wenig ungläubig beobachtet, schließlich ist in den USA alles so anders zwischen Männern und Frauen, als er es aus Indien kennt. So verliebt er sich, zunächst in Jennifer, später in andere Frauen, jedes Mal ist er ganz dabei, möchte, dass es funktioniert, aber das erweist sich als schwieriger als gedacht.

Amitava Kumar erzählt in seinem Roman „Am Beispiel des Affen“ von Kailash und seinen Erlebnissen in New York, und er tut dies auf zumeist fesselnde Weise. Stets gleicht nicht nur sein Protagonist die beiden Welten, die er kennt, miteinander ab, sondern auch wir Leser. Nicht nur er, sondern auch wir sehen ihn in einem fremden Land, in dem er eigentlich völlig aufgehen möchte, was aber nicht nur aufgrund seiner äußeren Erscheinung schwerlich möglich ist. Dabei ist es nicht so, dass er seine Herkunft vergessen will oder sie gar verleugnet – vielmehr erfahren wir im Laufe des Romans einiges aus seiner Kindheit und von seiner Familie – dennoch scheint es für ihn keinen Weg zurück zu geben.

„Am Beispiel des Affen“ ist ein Campusroman. Kailashs Mentor Ehsaan, ein Pakistani, wurde dabei nach und nach zu einer Lieblingsfigur, denn immer wieder erzählt er Kailash und seinen anderen Studenten Geschichten aus seiner Vergangenheit, lehrt sie, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. In dem Sinne ist der Roman dann auch die Beschreibung eines Prozesses, an dessen Ende Kailash erwachsen sein wird oder zumindest auf dem Weg dorthin ist.

Der Affe, der dem Roman seinen Titel gibt, zieht sich dabei wie eine Metapher durch das Buch: Nicht nur erzählt Kailash eine verstörende Geschichte aus seiner Kindheit, in der ein Affe sich versehentlich selbst erschießt, nachdem er die Waffe erst auf Kailashs Cousine gerichtet hatte, auch erfahren wir davon, wie man vermehrt Affen zu Forschungszwecken von Indien in die USA brachte – das ist nicht unbedingt beruhigend. Und schließlich wird der Affe schlicht zum Symbol von Migration.

Es ist sehr viel, was Kumar in seinem Roman unterbringt, und ihm gelingt es recht gut, den Zeitgeist der 90er Jahre einzufangen. Intellektuelle und politische Diskussionen gehören dazu, die freundschaftliche Nähe zwischen Dozenten und Studenten und die sexuelle Freiheit, die vorherrscht und der man sich offenbar nicht verweigern darf, weil das ganz einfach dazu gehört. Der Autor schweift dabei mal hier ab und macht dort einen Diskurs in eine andere Richtung, außerdem bedient er sich zwischenzeitlich einer Art essayistischen Erzählens, wenn Bilder und Zeitungsausschnitte auftauchen. Das lockert den Roman auf und hat mir gut gefallen.

Im Mittelpunkt steht dabei stets Kumars Held, der vielleicht auch ein Alter Ego des Autors ist, denn wie Kailash kam Amitava Kumar in jungen Jahren in die USA, wo er heute noch lebt und lehrt. Vor allem zeigt der Roman die Versuche, mit diesem neuen Leben, das Kailash liebt, das ihn aber auch verwirrt, zurechtzukommen. Gerade in der Darstellung seiner Beziehungen zeigt sich deutlich, wie schwierig das Leben in den USA eigentlich für ihn ist, obwohl Kailash keiner ist, der das zugeben würde und der auch nie so schlimm getroffen wird, dass er in Erwägung ziehen würde, aufzugeben. Insgesamt war mir „Am Beispiel des Affen“ manchmal etwas zu konfus und zu geballt auf kleinem Raum, dennoch ist Amitava Kumar aber meiner Meinung nach ein sehr anregender, unterhaltsamer und auch intelligenter Roman gelungen.

Amitava Kumar: Am Beispiel des Affen, Hanser Verlag, 2019, 320 Seiten

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2 Antworten zu Das intellektuelle Leben – Amitava Kumar: Am Beispiel des Affen

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich glaube, das Buch wandert mal fix auf meine Leseliste. Irgendwie war es mir beim Durchblättern der Vorschau durch die Lappen gegangen. Ich danke Dir für die anregende Besprechung. Viele Grüße

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