Nur nicht auffallen – Dag Solstad: T. Singer

Der 77jährige norwegische Autor Dag Solstad ist in seiner Heimat sehr bekannt, ich hatte jedoch noch nie von ihm gehört, bis ich auf der Buchmesse auf seine Bücher stieß. Das Alltägliche schien in seinen Romanen vorzuherrschen, Durchschnittstypen sie zu bevölkern, und das kam alles so unaufdringlich daher, dass ich sofort etwas von ihm lesen wollte.

Der gerade im Dörlemann Verlag neu erschienene Roman „T. Singer“ kam in Norwegen bereits 1999 heraus, und die von Solstad dort beschriebene Welt ist folglich eine ohne Smartphones und, da die Geschichte noch ein paar Jahre früher spielt, auch ohne Internet, also eine gänzlich analoge Welt. Solstads Hauptfigur hat für uns Leser nicht einmal einen Vornamen, während andere Figuren durchaus vollständige Namen besitzen. Eine Kleinigkeit nur, die aber unterstreicht, mit wem wir es zu tun haben: T. Singer ist einer, der nicht auffallen will. Er ist absoluter Durchschnitt, er hat eigentlich keine Hobbys, keine großen Ambitionen im Leben, er strebt keine erfolgreiche Karriere an. Er hat kaum Freunde, eher oberflächliche Bekanntschaften, und auch Frauen interessieren ihn eigentlich nicht, bis er eines Tages die Töpferin Merete kennenlernt. Zu dieser Zeit arbeitet Singer schon einige Zeit in einer Bibliothek in der Kleinstadt Notodden, wo er sich entschlossen hatte, ein komplett unauffälliges Leben zu führen.

Merete ist alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter, sie und Singer verlieben sich ineinander und heiraten – was erst einmal gar nicht zu dem verschlossenen Mann zu passen scheint. Dennoch sind sie eine Zeit lang glücklich, bis die Beziehung zu bröckeln beginnt, denn Singer kann nicht aus seiner Haut. Bevor sich die beiden aber trennen können, passiert etwas, das alles verändert und Singer vor eine schwere Entscheidung stellt.

Dag Solstad erzählt seine Geschichte in einem sehr ruhigen Ton und in langen Sätzen. Er scheut sich nicht vor Wiederholungen, die beim Lesen immer wieder zum Verweilen zwingen, zum Betrachten der Situation aus einem anderen Licht. Das ist ein bisschen heikel, weil es schnell ungeduldig machen kann und man auf die Redundanzen nur so gestoßen wird. Sicher ist das nicht Jedermanns Sache. Man muss sich einlassen auf diese langsame, lakonische Erzählweise, selbst Tempo herausnehmen und sich von Erwartungen freimachen, so mein Eindruck. Solstad hält sich teils lang an Kleinigkeiten auf, während er an anderer Stelle dann große Zeiträume wie nebenbei vorüberziehen lässt.

Solstads Roman ist vor allem eine Studie seines Protagonisten in all seiner Durchschnittlichkeit. Als Leser beginnt man zu staunen, sich zu fragen, ob solch ein Leben, das er sich wünscht, erstrebenswert ist, ein Verschwinden in der Masse. Singer ist das Gegenteil eines Selbstdarstellers und hätte es die Sozialen Medien zu dem Zeitpunkt, als die Geschichte spielt, schon gegeben, so wäre Singer sicherlich kein Mitglied gewesen. Im Kontakt mit anderen hat er Schwierigkeiten, alles bleibt oberflächlich – doch Singer leidet nicht darunter. Sehr wohl aber leidet er unter Schamgefühlen, die ihn in stundenlange Grübeleien stoßen können, Grübeleien, die der Roman in aller Ausführlichkeit auswalzt, so sehr, dass die zugrunde liegende Ernsthaftigkeit ins Abstruse kippt. Und so blitzt in „T. Singer“ dann auch hier und da feine Ironie auf.

In solch einer Geschichte gibt es keinen großen Knall, keine Effekte, es gibt den Alltag, es gibt die genaue Betrachtung des Protagonisten, es gibt eine leise fließende Bewegung, die einen durch ein Buch trägt, das ich so oder ähnlich schon lange nicht mehr gelesen habe. Hat man sich eingefunden in Solstads Erzählstrom, beginnt die Geschichte dann auch, einen Sog auszuüben, der eben nicht auf Spannung basiert, sondern auf dieser gleichmäßigen Bewegung. Während bei Solstads Landsmann Karl Ove Knausgard alles mit Bedeutung aufgeladen zu sein scheint, ist es hier genau anders herum, hier scheint nichts wirklich bedeutsam zu sein. Solstad bietet uns keine Interpretation für seinen Roman an, er lässt seine Leser allein mit seinem Durchschnittsprotagonisten. Das ist anders, als wir es zu lesen gewöhnt sind, es zwingt zum Innehalten, es kann verwirren, und ich hätte mir gewünscht, dass der Autor mich nicht ganz so allein mit seinem Antihelden lässt. Dennoch lohnt es sich. Für mich ist Dag Solstad eine interessante Entdeckung und ich bin neugierig geworden auf seine anderen Bücher. Eine weitere Besprechung gibt es im Blog leseschatz.

Dag Solstad: T. Singer, Dörlemann Verlag, 2019, 288 Seiten